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29.11.2010

Wikileaks-Veröffentlichungen

Silvio Berlusconi macht es genau richtig: Der italienische Ministerpräsident lacht halt zu den unschmeichelhaften Bemerkungen, die ihn als „Organisator von wilden Partys“ und als „eitel und unfähig“ beschreiben. Was soll er auch sonst tun? Dagegen klagen? Zumal sie ja nicht aus der Luft gegriffen sind, die Beleidigungen.

Die ganze Aufregung um die neuesten Enthüllungen von Wikileaks ist deshalb auch nur schwer verständlich. Angela „Teflon“ Merkel? Da hat man über „Mutti“ aber schon Schlimmeres gelesen. Guido Westerwelle „aggressiv“? Zuletzt ist er ein bisschen milder geworden, aber die alten Oppositionszeiten sind unvergessen. Und Horst Seehofer ein „Populist“? Ja, was denn bitte sonst?
Auch wenn man sonst von Diplomatenseite Diplomatischeres gewohnt ist: Wirklich überraschen können die unverblümten Inhalte nicht. Schließlich ist es doch eine der wichtigsten Aufgaben von Botschaften, die heimatliche Regierung mit Informationen über (Aus-)Land und Leute zu versorgen. Da macht es durchaus Sinn, die üblichen Höflichkeitsfloskeln beiseite zu lassen und gleich zum Punkt zu kommen.
Die Masse der Veröffentlichungen taugt also kaum für einen Skandal. Dass sie dennoch in aller Munde sind, hat einen anderen Grund: Lästern macht Spaß, besonders, wenn’s einen nicht selbst betrifft. Dass Muammar al-Gaddafi nicht ohne seine vollbusige Krankenschwester reist, das ist doch Klatsch und Tratsch vom Feinsten.
Ob die Lust am Boulevard und an platten Wahrheiten nun die ganze Aufregung rechtfertigt? Wohl kaum. Dass der „Spiegel“ die Geschichte so groß aufmacht, sagt viel darüber aus, welch großen Stellenwert das Nachrichtenmagazin dem Unterhaltungswert einer Geschichte beimisst. Das ist nicht weiter erstaunlich. Ein bisschen traurig aber ist, wie vergleichsweise wenig Beachtung inhaltlich viel brisantere Enthüllungen von Wikileaks zum Teil finden. Man denke an Videos aus den Kriegen in Irak und Afghanistan, die die Vorgehensweise der US-Armee massiv in Frage stellten.
Es scheint, als würde sich Wikileaks nun auch mal nach maximaler Aufmerksamkeit sehnen – wenn auch nicht mehr nach maximaler Aufklärung. Denn wo das öffentliche Interesse jenseits der Unterhaltung wirklich liegen soll, ist fraglich. Auch der moralische Anspruch – man will „denen zur Seite stehen, die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen“ – hat schwer nachgelassen. „Unethisch“ wäre in diesem Fall vielleicht besser durch „undiplomatisch“ zu ersetzen. Wikileaks ist drauf und dran seinen Nimbus als radikaler Aufklärer einzubüßen.