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14.08.2009

Woran der Wahlkampf krankt

Es war die schrägste Nachricht der Woche: 18 Prozent der Bundesbürger, hat eine Umfrage ergeben, würden die von Hape Kerkeling verkörperte Kunstfigur Horst Schlämmer zum Regierungschef küren wollen, wenn sie denn wirklich zur Wahl stünde. Deutschland hätte es verdient: Einen Kanzler Schlämmer mit einem Kabinett aus Komikern. Zweierlei würde passieren: Politik wäre ausnahmsweise höchst unterhaltsam, gleichzeitig würde aber ganz schnell klar, dass es damit nicht getan ist.

Hinter den 18 Prozent steckt aber wohl mehr als Kerkelings genialer Humor: Es ist auch die tiefe Sehnsucht nach Abwechslung von den drögen Protagonisten der Parteien, die Schlämmer mit einfachsten Mitteln genial entlarvt. „Liberal, links und konservativ“ will er sein, außerdem ist ihm kein Versprechen zu absurd. Damit ist er nichts als die überdrehte Variante der Spitzenkandidaten Merkel und Steinmeier, die stets die berühmte „Mitte“ der Gesellschaft erreichen und keinem wehtun wollen.
Geschuldet ist dieses Verhalten den Mechanismen eines Parteienstaats, in dem sich über Jahrzehnte Verhaltensmuster ausgeprägt haben, die in diesen Wochen in erschreckender Deutlichkeit zu besichtigen sind. Zum Beispiel an der Kanzlerin: Machterhalt ist auch bei ihr oberstes Prinzip, danach kommt lange nichts. Angela Merkel will im Amt bleiben, und im Moment muss sie dafür so gut wie nichts tun. Also tut sie auch nichts. Und das in Zeiten, in denen die Politik gefragter ist als jemals zuvor in unserer Republik.
Denn selbst wenn tatsächlich das Gröbste hinter uns liegen sollte, steht Deutschland allein wegen der Wirtschaftskrise vor gewaltigen Herausforderungen. Ein riesiger Schuldenberg und leere Sozialkassen erfordern Sparmaßnahmen, die an das heranreichen, was Ex-Kanzler Schröder dem Land mit der Agenda 2010 zumuten musste. Und dahinter lauern die Folgen von Energieknappheit und Klimawandel, die uns permanente Veränderung abverlangen werden.
Deshalb wäre es fatal, wenn alles so bleibt, wie es ist. Wer den Ernst der Lage erkennt, darf nicht mehr nur über „die da oben“ schimpfen, Ehrlichkeit mit Liebesentzug an der Wahlurne bestrafen und demjenigen seine Stimme geben, der den bequemsten Weg verspricht. Vor allem hilft es nicht, sich von der Politik abzuwenden. Unser Problem ist nämlich auch, dass viele Deutsche lieber 500  Kilometer barfuß zu einem Auftritt des Komikers Mario Barth pilgern würden, als fünf Minuten in Steinmeiers „Deutschland-Plan“ zu blättern. Ständig sagt irgendjemand, der Wahlkampf sei so langweilig. Was soll das heißen? Wird Politik attraktiver, wenn die Kanzlerin im Baströckchen tanzt und Westerwelle mit Trittin zum Promi-Boxen in den Ring steigt?
Politik ist, was wir daraus machen. Wer nur zuschaut, bekommt auch nur das, was ihm vorgesetzt wird: zu wenig.