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22.10.2010

Zahl der Privatinsolvenzen immer größer

Gerade mal zwei Tage ist es her, dass Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die neuesten Prognosen zum Wirtschaftswachstum verkündet hat. Das Ergebnis: Ein ungeahnter Boom, der, so verspricht der Minister, auch bei den Menschen ankommen wird. Weniger Arbeitslose, höhere Lohnabschlüsse, Deutschland im Wirtschaftswundertaumel. Krise? Längst vergessen. Kurzarbeit? Aus und vorbei. Angst vor der Zukunft? Ach, woher denn.

Der neue, deutsche Optimismus tut gut, er spornt an – und er ist notwendig. Aber er ist auch nur die eine Seite der Medaille. Während sich Politiker und Wirtschaftsinstitute fast täglich mit neuen Prognoserekorden übertreffen, spielen sich heimlich, still und leise jeden Tag aufs Neue Dramen ab:

2010 wird es so viele Privatinsolvenzen geben, wie nie zuvor. 1999 eingeführt, stagnierten die Zahlen in den vergangenen Jahren – um jetzt zu explodieren, just am Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise, die vor zwei Jahren begonnen hatte.

 

Gründe gibt es unzählige. Manchmal ist es einfach Pech. Plötzliche Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine Scheidung, und schon ist die Baufinanzierung nicht mehr zu stemmen. Solche Fälle wird es immer wieder geben, Schuldzuweisungen sind nicht nur müßig, sondern auch unangebracht.

Es gibt aber auch die anderen Schuldner. Vor allem junge Leute leben offensichtlich gern über ihre Verhältnisse. Autofinanzierung, elektronischer Schnickschnack auf Kredit, astronomische Handyrechnungen: Viele wandeln lustvoll am finanziellen Abgrund – und etliche stürzen ab. Selbst schuld, möchte man rufen.

Und springt damit doch zu kurz. Die Verlockungen der schönen, bunten Konsumwelt sind groß. Das ist schon in Ordnung so, Konsum gehört zum Leben, ohne Konsum kein kleines Wirtschaftswunder. Nur: Man muss es sich auch leisten können. Mal abgesehen von so mancher Baufinanzierung, die keine Luft zum Atmen lässt, sind die vielen kleinen Konsumkredite die Wurzel allen Übels.

Kaum eine Woche, in der nicht zwei oder drei Kreditangebote im Briefkasten liegen. Fernseher? Gibt’s auf Kredit. Autos? Auf Kredit. Das neue Sofa? Auf Kredit. Die Traumreise? Kein Problem, es gibt ja Kredit. Besonders niedrig ist die Hemmschwelle, beim Online-Kauf von Zuhause aus.

Früher, zu Omas Zeiten, hieß es mal: Erst sparen, dann kaufen. Das ist lange vorbei – weil Handel und einige aggressive Geldinstitute das so wollen. Sie brauchen das Geschäft mit den Kreditzinsen, den schnellen Konsum. Das kurbelt schließlich die Wirtschaft an.

Aber eben auch die täglichen, ganz privaten Dramen.