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24.03.2010

„Es passieren wilde Sachen“ - PZ-Interview mit Kachelmann zum Wetter

Der Schweizer Jörg Kachelmann ist der Wettermann schlechthin im deutschen Fernsehen. Er hat die Wettervorhersage zu einer unterhaltsamen Angelegenheit gemacht – sieht sich selbst allerdings keineswegs als Unterhalter. Mit PZ-Redakteurin Angelika Wohlfrom sprach er über Unwetter, die man nicht verschlafen darf, seine eigenen trockenen Wetterberichte – und über das Wetter in Pforzheim.


Pforzheimer Zeitung: Warum liegt uns das Wetter so am Herzen? Die wenigsten von uns arbeiten doch draußen – und sind so auf gutes Wetter angewiesen....
Jörg Kachelmann: Wie kommen Sie darauf, dass das Wetter uns am Herzen liegt?

PZ: Es wird viel und gerne darübergeredet.
Kachelmann: Naja, der eine Grund ist sicher, dass man sich übers Wetter nicht streiten kann. Es gibt ja wenige Themen, über die man nicht früher oder später unterschiedlicher Meinung sein kann. Die andere Sache ist, dass man in Deutschland unendlich viel Freizeit hat, und dass irgendwann – das ist meine Theorie – der Effizienzgedanke vom Beruflichen auf die Freizeit übergeschwappt ist. Es ist heute kaum noch denkbar, dass man in den Schwarzwald fährt, wenn’s schifft. Die kommen nur, wenn das Wetter entsprechend ist. Heute entscheidet man spontan zu verreisen. Im Gegensatz zu früher, als man in den Schwarzwald gefahren ist und gesagt hat: Wenn’s schneit, schneit’s halt, und wenn die Sonne scheint, scheint sie halt, und wenn’s schifft, schifft’s halt. Heute ist es einfach uncool zu sagen, ich bin jetzt an die Ostsee gefahren und es hat eine Woche geschifft.

PZ: Sie rufen aus der Schweiz an. Haben die Schweizer nicht so viel Freizeit wie die Deutschen?
Kachelmann: Wir haben eine 42-Stunden-Woche und wir haben auch nicht so viele Feiertage. Ich glaube schon, dass es einen Unterschied macht. Wir haben zum Beispiel auch eine Firma in den USA, und dort ist das Wetter nicht so ein Thema. Und dort gibt es – wie man weiß – noch weniger Freizeit, weil es weniger Ferien gibt.

PZ: www.unwetterzentrale.de heißt eine von Ihnen betriebene Homepage. Da gehen dann alle drauf, bevor sie in den Schwarzwald oder an die Ostsee fahren. Wie oft wird die am Tag geklickt?
Kachelmann: Genau weiß ich das nicht auswendig. Es gab schon Tage mit einer Million Klicks. Aber ich glaube jetzt weniger, dass die Seite vor dem Schwarzwaldbesuch geklickt wird – das ist eher was für www. wetter.info – , sondern dann, wenn wie jetzt im Moment wildeSachen passieren.

PZ: Was passiert, wenn Sie es auf www.unwetterzentrale.de versäumen, vor einem schlimmen Sturm oder Gewitter zu warnen? Haften Sie für eintretende Schäden?
Kachelmann: Uns ist das bisher noch nicht passiert. Der DWD (Deutscher Wetterdienst) hat mehrere Orkane und die Elbe-Flut verschlafen, ohne dass ihm etwas passiert ist. Wir können uns das als mittelständisches Unternehmen nicht leisten, irgendein größeres Unwetter zu verschlafen.

PZ: Führt der potenziell drohende Haftungsfall dazu, dass man mehr dramatisiert, einen Sturm größer macht als nötig?
Kachelmann: Sehen Sie, was der DWD aus „Daisy“ gemacht hat die ganze Woche über. Mit der Folge, dass der Katastrophenschutz schließlich am Freitag alle aufgefordert hat, Hamsterkäufe zu machen. Wir haben dagegen gesagt: Das ganz große Drama wird da nicht passieren. Wir sind diejenigen, die da durchaus differenziert warnen. Wir warnen so, wie es gerechtfertigt ist. Ich habe den Eindruck, dass der DWD angesichts der vielen verschlafenen Dinge jetzt das Gegenteil macht. Und das ist genauso gefährlich: Immer warnen ist auch schlecht, weil die Leute irgendwann nicht mehr dran glauben, wenn’s wirklich mal dramatisch wird.

PZ: Ist das ein Hype? Wird hier bewusst übertrieben, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen?
Kachelmann: Keine Ahnung, wir machen das ja nicht.

PZ: Wetter ist Entertainment – unter anderem auch dank Ihnen. Wann haben Sie das erkannt?
Kachelmann: Ich habe keine Ahnung, wo Sie das Entertainment sehen. Wenn Sie das Wetter im SWR sehen oder das Tagesthemen-Wetter, müssen Sie mir mal erklären, wo da das Entertainment sein soll. Ich sehe das nicht. Ich stehe einfach da, in Anzug und Krawatte, und erzähle von der ersten bis zur letzten Sekunde vom Wetter. Es kommen keine Tiere, Kinder oder Einspielfilme vor. Ich weiß, diese Legende wird ewig leben, dass Wetter wahnsinniges Entertainment ist, wenn ich es mache. Ich finde, das ist der weitaus trockenste Wetterbericht im deutschen Fernsehen. Ich glaube nicht, dass jemals eine während des Wetterberichts gelacht haben wird – und das ist ja auch nicht der Sinn eines Wetterberichts. Ich habe einen reinen Informationsimpetus, keinen Unterhaltungsimpetus. Dafür ist ja auch gar nicht die Zeit.

PZ: Können Sie sich vorstellen, dass es irgendwann eine ganze Wettershow geben wird?
Kachelmann: Ich würde es mir wünschen, dass das Wetter mehr Platz hat. Gerade an solchen Tagen wie heute. Morgen werden wir dann wieder lesen, dass Menschen auf der A19 und auf der A20 in Mecklenburg-Vorpommern von Schneeverwehungen überrascht werden. Da werde ich wieder denken: Oje, überrascht!

PZ: Noch eine letzte Frage: Wie wird das Wetter die nächsten Tage? Müssen wir uns Sorgen machen?
Kachelmann: Ich weiß nicht, ob Sie sich Sorgen machen müssen. Es wird halt noch ’ne Weile winterlich bleiben in „Pforze“. Ich schau grade mal nach: Es schneit in der Nacht und morgen früh werden wieder ein paar Leute vom Schnee überrascht sein. Morgen gibt’s ein paar Schneeschauer. Am Montagmorgen ist es dann doch mit minus 13, minus 14 Grad ein bisschen frisch. Dienstag wird’s dann wieder ein bisschen wärmer, zum Teil gibt’s Schneeregen. Ein Auf und Ab. Aber Sonntag wird sicher ein Hauch von Wintermärchen.