22° Aktuelles Wetter
Mo, 21.05.2012
> Zum Wetter
Vorheriges Bild
Nächstes Bild
Nachkolorierte Aufnahme  des Hilda-Gymnasium einer Postkarte um das Jahr 1900.
Nachkolorierte Aufnahme des Hilda-Gymnasium einer Postkarte um das Jahr 1900.
© PZ-Archiv
Eine Ruine:  die Hilda-Schule nach dem Krieg.
Eine Ruine: die Hilda-Schule nach dem Krieg.
Abi-Scherz:  „Betreten auf eigenes Risiko“.
Abi-Scherz: „Betreten auf eigenes Risiko“.
Die Lehrkräfte  des Hilda-Gymnasiums im Jubiläumsjahr.
Die Lehrkräfte des Hilda-Gymnasiums im Jubiläumsjahr.
Vorheriges Bild
Nächstes Bild

Als höhere Töchter Socken strickten

PFORZHEIM. „Dem Leben entgegen“ . So hat der frühere Hilda-Schüler und Historiker Olaf Schulze seine Chronik von der Höheren Töchterschule zum Gymnasium übertitelt. Die Schule feiert ihre 100- jährige Namensgebung.

Anzeige

Obwohl die gesamte Schulgesichte des „Hilda“ bereits 159 Jahre aufweist, ist es ein Jahrhundert her, „dass der Südflügel des ersten Bauabschnitts bezogen und das Gymnasium so bezeichnet wurde, wie es auch jetzt noch heißt“, erklärt Schulleiter Günter Scheu (64). Er ist seit 1955 Rektor, aber seine Pensionierung wurde hinausgeschoben. Scheu ist einer der wenigen Schulleiter bundesweit, dessen Arbeitszeit um ein Jahr verlängert wurde. „Ich darf mich noch etwas um die Jubiläums-Feierlichkeiten kümmern“, freut er sich. Mit dem Blick auf den bevorstehenden Schulneubau und die geplante neue Sporthalle reicht Scheus Vorfreude weit in die Zukunft hinein.

Historiker Olaf Schulze hingegen richtet seinen Blick eher in die Vergangenheit, liest Chroniken und hat plötzlich das Bild der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vor sich: Es ist Frieden, den jungen Mädchen steht die Welt offen, am Horizont geht die Sonne auf: Die Arme empor, der Schritt ins Leben. Ein solches Motiv weist die Einjährigen-Postkarte der Klasse 1 A vom Sommer 1920 mit einer Tuschzeichnung von Else Domberger auf.

Zeitreise in die Vergangenheit

Wenn man sich mit Schulze auf den historischen Weg zurück, auf den Schulweg macht, wird plötzlich jene Quartanerin lebendig, dick vermummt im langen modischen Zweiknopfmantel, mit Schultasche und Schulmütze und ernstem Blick. Man schreibt das Jahr 1929. Die ersten Hilda-Schülerinnen machen gerade Abitur, an ihrer eigenen Schule.

Tausende von Schülerinnen und seit 1971 auch Schülern, viele Hundert Lehrerinnen und Lehrer haben „das Hilda“ in dieser langen Zeit besucht, haben hier für das Leben gelernt und gelehrt – und manche, die hier die Schulbank drückten, kehrten als Lehrerinnen zurück. Die Generationen gaben sich die Hand und die Bildung weiter. Was 1849 als „Höhere Töchterschule“ begann, führte auf einem langen Weg zum heutigen „Hilda“.

Am südlichen Ende des Schulplatzes stand seit 1788/90 das Schulhaus, lange Zeit das einzige Schulgebäude der Stadt. Hier waren zunächst alle Schularten untergebracht. In diesem Gebäude, das am 23. Februar 1945 zerstört wurde, begann im Frühjahr 1849 die Geschichte der Höheren Töchterschule.

Im rechten Gebäudetrakt, der Schulstraße zu, lagen damals das Pädagogium und die Bürgerschule (die Vorläufer des Reuchlin- und des Hebel-Gymnasiums), in der Mitte fanden die Volksschüler – Mädchen wie Jungen – ihre Räume, und links, der Rosenstraße zu, besaßen die Gewerbeschule und die Höhere Töchterschule ihre Klassenzimmer. Die Grundmauern des Schulhauses liegen noch heute unter dem Parkplatz hinter dem Technischen Rathaus und dem Straßenbelag der Deimlingstraße.

Am 28. Januar 1834 unternahm der Stadtrat einen ersten Anlauf, ermutigt durch die Entwicklung in Rastatt, wo es bereits eine Höhere Töchterschule gab. Doch der kirchliche Schulinspektor gab zu bedenken, dass dadurch das „Köhler‘sche Töchterinstitut“ in seiner Existenz gefährdet würde und auf die Stadt reichlich Kosten zukämen. Der Antrag kam zu den Akten. Das Töchterinstitut war eine Privatschule und bestand seit 1825. Das hohe Schulgeld machte die Einrichtung elitär, nur Mädchen aus der besten und wohlhabendsten Gesellschaft waren hier zu finden, und das blieb so bis in das jetzige Jahrhundert. Der Erste Weltkrieg und die anschließende Inflationszeit brachten die lange erfolgreiche Gründung der Karoline Friedericke Köhler in Bedrängnis. 1937 wurde das Töchterinstitut schließlich aufgelöst und ein Großteil der Schülerinnen wechselte von der Oberen Wimpfener Straße auf die „Hildaschule“.

Der Gemeinderat erarbeitete einen Organisationsplan, der am 22. Oktober 1847 dem Großherzoglichen Oberamt und der Großherzoglich Evangelischen Ortsschulinspektion zur Begutachtung vorgelegt wurde. Im April 1848 war das Genehmigungsverfahren abgeschlossen. Oberamt, Oberschulkonferenz und Ministerium des Innern hatten der Schulgründung zugestimmt, allerdings unter der Maßgabe, dass – so eröffnete es die Oberschulkonferenz am 7. April 1848 dem Gemeinderat – „auch der Zeichenunterricht unter die Unterrichtsgegenstände aufgenommen werde“. Am Montag, dem 23. April 1849, war es dann schließlich soweit. Mit 56 Schülerinnen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren begann an diesem Tag um 8 Uhr der Unterricht im Schulhaus am Schulplatz.

Die Höhere Töchterschule war von Anfang an überkonfessionell ausgerichtet. Das jährliche Schulgeld betrug seit 1856 zwischen 12 und 18 Gulden und lag damit erheblich unter dem des „Töchterinstituts“.

Hilda-Schülerin Bertha Ringer

Auch Caecilie Bertha Ringer aus der Unteren Ispringer Straße 11 (heute Berliner Straße) besuchte vom Jahr 1858 an die Höhere Töchterschule, wie schon ihre Schwestern. Dort lernte sie in ihrem letzten Jahr 1862 auf 1863 im Fach „Naturlehre“ bei Gewerbeschullehrer Philipp Huber laut gedrucktem Programm der Höheren Töchterschule: „Die allgemeinen Eigenschaften der Körper. Von den festen, den tropfbar und elastisch flüssigen Körpern. Von dem Schall, der Wärme, der Elektrizität, dem Magnetismus und Elektromagnetismus.“ Ob sie ein Verständnis dafür hatte? Zumindest hat sie das Vertrauen in die Technik und die Eigenschaften der Elemente später mehrfach bewiesen, als Ehefrau von Carl Benz, den sie 1872 nach dreijähriger Verlobungszeit geheiratet hatte. Kennengelernt hatte die dunkellockige Bertha den „Lang-schwarz-Zeichner“ vom Eisenhammerwerk der Gebrüder Benckiser bei den Treffen des Pforzheimer Geselligkeits- und Gesangvereins „Eintracht“, doch das ist eine andere, eine Liebesgeschichte. Bertha Benz war Optimistin, Idealistin und temperamentvoll, sie wusste was sie wollte.

Eines Morgens Anfang August 1888 brach sie hinter dem Rücken des ahnungslosen Gatten mit ihren beiden halbwüchsigen Söhnen Eugen und Richard zur ersten Fernfahrt der Automobilgeschichte auf. Es ging mit dem dreirädrigen Patent-Motorwagen von Mannheim über Heidelberg, Bruchsal, Grötzingen, Wilferdingen nach Pforzheim, zur Verwandtschaft. Hutnadel und Strumpfband kamen zum Einsatz, und abends telegrafierte sie heim: „In Pforzheim glücklich angekommen.“ Bertha Benz erlebte den Siegeszug des Automobils, aber auch die dunklen Seiten der Erfindung. Sie starb am 5. Mai 1944 in Ladenburg und ist wohl eine der bekanntesten Schülerinnen dieser Schule.

Die Höhere Töchterschule war zunächst eine Privatlehranstalt, allerdings getragen durch städtische Zuschüsse und das Schulgeld. Sie stand unter Aufsicht einer städtischen Schulkommission mit dem Oberbürgermeister der damals rund 8000 Einwohner zählenden Kommune. Seit Sommer 1849 war dies zunächst Karl Zerrenner, der die Schule als sein Lieblingskind betrachtete, sicher nicht nur wegen der eigenen Töchter, die eben nicht das „Institut“‚ sondern die „Töchterschule“ besuchten. Anfang Oktober 1859 wurde schließlich der Neubau an der Rosenstraße bezogen, der sich im rechten Winkel östlich an das alte Gebäude anschloss. Die Schülerinnen spendeten zur Ausstattung der neuen Schule ein Piano. Durch Erlass des großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 21. Dezember 1860 wurde „der Anstalt der Charakter einer öffentlichen Schule verliehen“. Seit dem Jahr 1849 gehörten auch Frauen zum Lehrpersonal.

Turnhalle diente als Lazarett

In den Jahren 1870/71, während des Krieges gegen Frankreich, musste das Turnen ganz ausfallen. Die Halle auf dem Turnplatz diente als Lazarett und die Schülerinnen der Höheren Töchterschule waren monatelang damit beschäftigt, Socken zu stricken.

Am 24. Februar 1908 beschloss der Stadtrat der Stadt Pforzheim, der neuen Höheren Mädchenschule den Namen der Großherzogin zu geben. Die Namensgeberin, Hilda, die letzte Großherzogin von Baden, Tochter des Herzogs Adolf von Nassau und der Prinzessin Adelheid Marie von Anhalt, besuchte die Schule am 24. Juni 1909, als die „hohe Protektorin der Schule“ in der mit Palmen dekorierten Südturnhalle von der versammelten Schülerinnen- und Lehrerschaft mit zwei Liedern empfangen worden war. Am 1. April 1944 fielen die ersten Bomben auf Pforzheim, speziell die Südstadt war betroffen. 95 Menschen kamen ums Leben. Nach den Sommerferien 1944 wurden Anfang September die oberen Klassen der Hildaschule von der „Obersekunda“an (also eigentlich Untersekunda) komplett in die Pforzheimer Rüstungsbetriebe geschickt. Teilweise empfanden die Schülerinnen tiefen Stolz, „jetzt, da die Not am größten ist“ (wie eine Schülerin in ihr Tagebuch schrieb), ein „Glied der großen Schicksalsgemeinchaft zu sein“. Und so produzierten sie nun sechs Tage die Woche mit anderen Kriegsdienstverpflichteten Zünderteile, teilweise am Fließband.

Eine Abiturpostkarte der Klasse 8 b von 1944 zeigt, wie ein Lehrer die kleine Schar von Abiturientinnen mit Gasmaske im Luftschutzkeller unterrichtet. Die Hildaschule war ausgebrannt, eine Ruine. Der Wiederaufbau gliederte sich in insgesamt vier Bauabschnitte und war erst 1955 abgeschlossen.

Im Internet präsent

Mit den Sexten des Schuljahrs 1971/72 wurden zum ersten Mal Jungen in das Hilda-Gymnasium aufgenommen. Im Jahr 1977 wurde der Förderverein der Schule aus der Taufe gehoben. Seit 1995 beteiligt sich das Hilda-Gymnasium an den „Schulversuchen“ zur „Inneren Schulreform“, in der ein neuer Umgang untereinander und neue Formen der Stoffvermittlung wie der Leistungsbeurteilung erprobt werden. Seit 1996 ist das Hilda-Gymnasium im Internet präsent, 1997 wurden Schüler für die Entwicklung einer multimedialen Schülerzeitung ausgezeichnet. Und heute gilt das Motto wie auf der Einjährigen-Postkarte von 1920 immer noch: „Dem Leben entgegen”.

Hilda-Festakt am heutigen Freitag, 25. April, um 19 Uhr im CongressCentrum. Der baden-württembergische Kultus-Minister Helmut Rau hält die Festansprache.# www.hilda-pforzheim.net

Autor: Roger rosendahl

24.04.2008
Schriftgröße A A A
Artikel teilen
Anzeige
Anzeige
Top Adressen
Anzeige
Top Angebote
Anzeige
Regional Finder
Ispringen
Kämpfelbach
Eisingen
Königsbach-Stein
Remchingen
Keltern
Straubenhardt
Birkenfeld
Neuenbürg
Engelsbrand
Unterreichenbach
Schömberg
Neuhausen
Tiefenbronn
Heimsheim
Friolzheim
Wimsheim
Mönsheim
Wiernsheim
Wurmberg
Niefern-Öschelbronn
Kieselbronn
Neulingen
Ölbronn-Dürrn
Ötisheim
Mühlacker
Illingen
Maulbronn
Sternenfels
Knittlingen
Oberderdingen
Pforzheim
Exklusiv in der PZ

Das lesen Abonnenten am Montag exklusiv in Ihrer "Pforzheimer Zeitung":

Angeblich will Norbert Röttgen seine Entlassung nicht unwidersprochen lassen. Droht der Union jetzt eine Schlammschlacht? Hagen Strauss, PZ-Mitarbeiter in Berlin, ist dieser Frage nachgegangen. Seite 2

Hier geht es zum PZ-Abo und zum 14-Tage-Probeabo

Hier geht es zum E-Paper ...

PZ lesen per E-Paper

zum Log-In                       zur Startseite

Umfrage
Ist die Energiewende noch zu schaffen?
PZ-news auf Facebook
Umfrage
Welches Spiel wollen Sie im Video sehen?
Webcam
Mo, 21.05.2012 09:56
Anzeige
Anzeige