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22.04.2004

Amokläufer bittet Opfer aus Psychiatrie heraus um Vergebung

PFORZHEIM/KARLSRUHE. Der Mann, der im Versandhaus Bader Amok lief, ist schuldfähig. Zu diesem Schluss kommt der psychiatrische Sachverständige. Heute werden die Plädoyers gehalten. Morgen fällt das Urteil.

Soll die Schwurgerichtskammer die drei nahezu gleich lautenden Briefe aus dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch an die Adressaten weiterleiten? Die Richter beratschlagen, wägen ab. Dann geben sie grünes Licht – nicht zum Besten von Katrin G. (Name geändert). Der Inhalt belaste sie sehr, bekennt sie im Zeugenstand des Karlsruher Landgerichts. Der Mann, der ihr den Brief geschrieben hat, hat zuvor den Saal verlassen müssen. „Sonst besteht die Gefahr der Re-Traumatisierung”, rechtfertigt die Psychotherapeutin den Wunsch ihrer Patientin.

Diese hat seit dem Amoklauf des 24-jährigen Stefan A. am 16. September vergangenen Jahres die Hölle durchlitten. Muskeln, Nerven, Sehnen, Gelenke waren von der extra geschärften Klinge des von A. geführten Samurai-Schwerts durchtrennt worden. „Mehr tot als lebendig”

Sie sei fast ausgeblutet gewesen, berichtet ein Arzt vom Pforzheimer Krankenhaus Siloah. Zwei Teams operierten gleichzeitig, gaben ihr neun Plasma- und 18 Blutkonserven. „Wir hatten nicht die Hoffnung, sie durchzubringen”, sagt einer der Ärzte, der als Sachverständiger gehört wird. Ein Heidelberger Gerichtsmediziner ist verblüfft: „Sie muss mehr tot als lebendig gewesen sein.”Das war auch Gudrun F., 58. „Sie hätte eigentlich tot sein müssen”, sagt der Oberarzt der Unfallklinik Ludwigshafen rückblickend. Sterile Tücher wurden in die klaffenden Wunden gelegt. Erst zwei Tage später konnte das beginnen, was der Arzt in der Sprache der Mediziner „anatomische Rekonstruierung” nennt. Drei weitere Operationen seither. Jede Bewegung ein Erfolg

Am Montag erfolgt die nächste. Jede schmerzfreie Bewegung, jedes Greifen der Hand, jedes Biegen des Fingers feiert sie als Erfolg. Auch, dass sie vor ein paar Wochen den Weg gefunden hat an die Maximilianstraße zu Bader – dort hin, wo es passierte. Allerdings nur für einen Kurzbesuch. Doch Gudrun F. hat den festen Willen, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Sie sei eine starkeFrau, sagt ihr Therapeut. Eine kleine Person, 1,58 Meter groß. Der Mann, der auf sie einhieb, ist 1,93. 106 Kilo schwer, ein Athlet.A

uch vor der dritten Frau, die einen Brief von Stefan A. bekam, ziehen ständig die Bilder vor dem inneren Auge vorbei: Anneliese N., 21. Bei ihr ist seit jenem Tag „die Leichtigkeit des Seins” verloren gegangen – nicht nur wegen der Rücken- und Magen-Darm-Beschwerden, die psychischer Natur sind. Auf einer Länge von 22 Zentimetern durchtrennte ihr die Klinge fünf Zentimeter tief Haut, Fleisch und Wirbelsäulenmuskulatur.„Ich wusste nicht, wie schlimm die Auswirkungen waren”, sagt Stefan A. am dritten Verhandlungstag unter Tränen. Als er die Anklageschrift erhält, greift er zum Kugelschreiber. „Ich bin zutiefst erschüttert”, schreibt er, er wisse nicht, „was mich ins Geschäft trieb”. Er habe „nie jemandem Schaden zufügen” wollen und bitte „untertänigst um Vergebung”.Widerspreche die zumindest ansatzweise schriftliche Aufarbeitung der Tat nicht der Weigerung des geständigen Täters, eine Therapie zu machen, fragt Dorothea Luppold, eine der vier Nebenkläger, den wichtigsten Mann des dritten Prozesstages: Dr.Rolf-Dieter Splitthoff, Leiter der Forensischen Psychiatrie in Wiesloch. Vor sich hat er das Erstgutachten des erkrankten Psychiater-Kollegen Klaus Foerster (Tübingen) liegen. Splitthoff hat A. viermal selbst befragt – „und auch sonst war der Patient durchgängiges Gesprächsthema”, sagt der Psychiatrie-Chef. Er kommt zu dem glasklaren Schluss: Es gibt keinerlei Zweifel an der vollen Schuldfähigkeit seines Patienten. Kein Minderungsgrund seien die 1,77 Promille, die Stefan A. am Morgen der Tat intus hatte – kein Problem für einen an Alkohol gewöhnten Menschen, so der Sachverständige. Zeugen und Opfer sprachen von „versteinerten Gesichtszügen” und „verkrampfter Haltung” des Amokläufers. Splitthoff folgert aus den Schilderungen des Tathergangs eine „hohe Konzentration”. Auch sei der Täter nicht wie in Trance gewesen – sondern habe reagiert: auf das Flehen von Mitarbeitern, sie zu verschonen, aufzuhören mit dem Massaker – und Stefan A. habe tatsächlich inne gehalten.Ein klares Motiv kann sich aber auch der Sachverständige nicht erklären – selbst wenn Tätowierungen wie „Fuck the world” (am Bauch) und „guilty” („schuldig”, am Nacken) auf den Welt-Hass des 24-Jährigen schließen lassen, seinen Pessimismus, seine Unzufriedenheit. Splitthoff macht die wiedersprüchlichen Charakterzüge und Verhaltensweisen des Angeklagten offenbar.„Großer Abgang”?

Ob angesichts der Selbstmordandeutungen und eines gescheiterten Suizidversuchs eine grausame Inszenierung, ein „großer Abgang” in Form eines „erweiterten Selbstmords” wie der des Schülers von Erfurt zum Charakter des Täters passe, will Oberstaatsanwalt Hans-Werner Schwierk wissen. „Es würde passen”, sagt Splitthoff.Schwierk wird heute Morgen auf Mord an einer 27-jährigen Litauerin und versuchten Totschlag in drei Fällen plädieren. Dass die Tat geplant gewesen sei – dieses Merkmal sieht er spätestens seit den Aussagen der Zeugen als erhärtet an, die bekräftigten, A. habe ihnen am Vorabend des schrecklichen Geschehens eine Kurzmitteilung aufs Handy geschickt und sie gewarnt, am nächsten Morgen das Versandhaus zu betreten. Folgt die Kammer Schwierks Argumentation, kann das Urteil nur lebenslänglich lauten.