

In dem Buch „Demenz – Abschied von meinem Vater“ beschreibt der Autor und Journalist Tilman Jens die Krankheit, an der sein Vater Walter Jens seit Jahren leidet. Als das Buch herauskam, löste es eine kontrovers geführte Debatte aus. PZ-Redakteurin Dorothee Messmer hat mit Tilman Jens über seine Bücher und über seinen Vater gesprochen.
Pforzheimer Zeitung: Herr Jens, wie geht es Ihrem Vater?
Tilman Jens: Das ist eine nur scheinbar leicht zu beantwortende Frage. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht, auch wenn ich ihn sicherlich alle zwei Wochen sehe. Er kann sich kaum noch artikulieren. Und wenn er ,Ja‘ sagt, weiß niemand, ob er nicht ,Nein‘ sagen möchte. Ob er, wenn er lacht, wirklich fröhlich ist, wenn er weint, tatsächlich verzweifelt: Weder meine Mutter noch seine großartige Pflegerin noch mein Bruder oder ich können das in letzter Konsequenz ermessen. Nicht zuletzt das ist ja, für Millionen von Angehörigen, das Gespenstische an dieser Krankheit.
PZ: Wie geht es Ihnen, wenn die erste Frage sich immer um Ihren Vater dreht?
Jens: Ich muss Sie, fürchte ich, enttäuschen. Ich habe damit nicht das leiseste Problem. Ich habe ein Buch über seine Krankheit geschrieben,er ist das Subjekt. Ihm gebührt die erste Frage.
PZ: Sie haben den Verfall Ihres Vaters in dem Buch „Demenz“ verarbeitet. Welches war für Sie die schlimmste Erfahrung mit der Krankheit Demenz?
Jens: Ob sich diese Krankheit, dieser Abschied von einem Vater, der noch lebt, aber doch nicht mehr ist, der er war, wirklich am Schreibtisch verarbeiten lässt? Ich habe meine Zweifel. Und die schlimmste Erfahrung? Mir fällt es da schwer, in Superlativen zu denken. Aber ein schrecklicher Moment war, als mein Vater eines Mittags vor dem Portrait des von ihm so geliebten Fontane stand, das bei uns im Wohnzimmer hängt – und mich fragte: „Tilman, wer war das noch mal?“
PZ: Wie sollten die Deutschen Ihrer Meinung nach mit demenziellen Erkrankungen umgehen?
Jens: Ich fühle mich nicht berufen, Ratschläge zu geben, schon gar nicht den Deutschen im Allgemeinen. Aber wenn wir alle ein offeneren, unverkrampfteren Umgang mit diesen Kranken gewännen und Menschen, denen das Gedächtnis stirbt, nicht länger verstecken würden, dann wäre uns und erst recht den Patienten geholfen.
PZ: Ist für Sie die Kritik an Ihrem Buch Demenz auch ein Zeichen der Tabuisierung der Krankheit ? Sie haben mit Ihrem zweiten Buch „Vatermord“ reagiert. Warum war dieser Schritt für Sie unausweichlich?
Jens: Ich bin gewiss nicht wehleidig: Aber die Kritik an meinem Demenz-Buch zielte zum Teil auf persönliche Vernichtung. Da schien es mir schon angebracht, zu antworten, zum einen, weil mir der eine oder andere Verriss eine Menge über die Befindlichkeit und die Tabus unseres Feuilletons zu verraten scheint, zum anderen, weil die Häme gegen die Söhne bedeutender Väter durchaus Methode hat in der Kulturgeschichte. Auch und gerade davon handelt mein Buch „Vatermord“. Auch daraus werde ich in Pforzheim einige Passagen lesen.
PZ: An welchem Buch arbeiten Sie derzeit?
Jens: Ich schreibe über die Odenwaldschule, über mein altes Internat, das in diesem Frühjahr durch den so lang vertuschten Missbrauch in die Schlagzeilen kam. Es wird, hoffe ich, eine Liebeserklärung, trotz allem.






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