

PFORZHEIM. Mehr als 300 Menschen – darunter auch Schüler aus den umliegenden Gymnasien – haben am Montag am 71. Jahrestag der Reichspogromnacht der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der Juden gedacht.
Ein ruhiger Tag heute: Zeitung gelesen, gefrühstückt, der Frau einen Kuss gegeben, zur Arbeit gegangen. Kein ruhiger Tag heute vor 71 Jahren: Zwischen 9.30 und 10.30 Uhr zünden SS- und SA-Männer an der Zerrennerstraße 23 in der Synagoge eine Sprengladung. Sie sind in Zivil, haben sich Zutritt verschafft, zerstören erst die Inneneinrichtung, sägen dann den Davidstern auf der Kuppel ab. Es ist der Morgen nach der von den Nazis zynisch sogenannten „Reichskristallnacht“, in der sich im ganzen Deutschen Reich angeblich spontaner Volkszorn, in Wahrheit gesteuerter Vernichtungswille der Nazis gegen die Juden Bahn brach. Auch in Pforzheim.
Und wie anderswo, hob sich auch hier kaum eine mahnende Stimme, keine helfende Hand der Augen- und Ohrenzeugen. Daran erinnerte gestern am Platz der Synagoge an der Zerrennerstraße/Ecke Goethestraße der Heidelberger Historiker Jürgen Zieher.
Die Reichspogromnacht war weder der Anfang noch das Ende der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von jüdischen Mitbürgern in Deutschland. Über 650 Jahre alt ist die Geschichte der Juden in Pforzheim. Es ist eine Geschichte der Ausgrenzung und Erniedrigung. Vorurteile gab es zu allen Zeiten – aber erst die Nazis kanalisierten den Antisemitismus. Zieher sprach unter anderem den Boykott jüdischer Geschäfte an, die Nürnberger „Rassegesetze“, die Pogromnacht, die Deportation nach Dachau, Gurs (und von dort nach Auschwitz) und ins KZ Theresienstadt.
Rund 450 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde vor dem Zweiten Weltkrieg, etwa 200 jüdische Pforzheimer wurden im Holocaust ermordet. Erst in den 80er-Jahren bildete sich erneut eine Gemeinde, die sich Israelitische Kultusgemeinde nennt, seit 1993 wieder einen Rabbiner und seit 2006 eine Synagoge – diesmal an der Simmlerstraße – hat. Traditionell legten Rami Suliman, Vorsitzender der Gemeinde, und das Stadtoberhaupt – erstmals Gert Hager – nach Gebeten von Rabbi Michael Bar Lev einen Kranz nieder.
Autor: Olaf Lorch-Gerstenmaier





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