


Einen Kulturschock erlebte Waldemar Pförtsch nicht, als er vor drei Jahren in Shanghai zu lehren begann. Normalerweise tut er dies an der Pforzheimer Hochschule, wurde für den China-Aufenthalt aber beurlaubt.
Doch trotz aller seiner bisherigen Auslandserfahrung gab es für den 58-Jährigen viel Neues zu bestaunen: „Die Geschwindigkeit der Veränderungen in Shanghai ist unglaublich“, sagt der International-Business-Professor. Im Jahr 2004 war die China Europe International Business School (CEIBS) noch von Äckern umgeben, und es gab nur eine Zufahrt, auf der sich der Verkehr ständig staute. Bei Pförtschs Ankunft war das gesamte Areal bebaut, und innerhalb eines Jahres wurde eine sechsspurige Hochstraße und imposante Wohnblocks errichtet. „Sobald es dort einen Bedarf gibt, wird dieser sofort umgesetzt. Das ist phänomenal und für uns Deutsche unvorstellbar“, sagt der 58-Jährige.
Auch die Studierenden hatten extrem hohe Anforderungen an ihn. „Die meisten haben schon Erfahrungen in der Industrie, und die wollen noch mehr wissen – am besten so, dass sie das am nächsten Tag direkt anwenden können“, bestätigt der Professor.
Durchatmen war an der CEIBS mit ihren 55 Professoren und rund 1000 Masterstudenten kaum möglich. Tagsüber war es dort voll, nachts herrschte Hochbetrieb, und auch am Wochenende wurden Kurse für so- genannte „Executives“ angeboten. Rund 20 000 Unternehmensmitarbeiter erhalten zusätzlich in ihren Firmen direkt vor Ort den Unterricht. „Da herrscht permanente Anspannung. Aber die Leistung wird auch entsprechend honoriert“, sagt der Gastprofessor. Im Nachhinein hätte er lieber nicht von Anfang an so intensiv mit dem Lehren begonnen, sondern sich erst sprachlich weitergebildet und noch mehr über Land und Leute gelernt.
Ein besonderes Erlebnis war für ihn der Winter 2007, in dem Shanghai nach 50 Jahren zum ersten Mal wieder Schnee hatte. „Der lag 14 Tage lang, und ganz Shanghai war wie gelähmt, denn es gab weder Schneeräumer noch Winterreifen“, sagt der Professor. Was aus der Wetterkatastrophe resultierte, war ein neues Frühwarnsystem.
Die in China herrschende Zensur und die staatlich kontrollierte Presse hat er nicht als negativ erlebt, da über wirtschaftliche Entwicklungen und Unternehmen offen berichtet werde. „Das ist ein Thema, das gerne nach vorne gebracht wird. Aber die Chinesen spüren dies nicht als Einschränkung“, sagt Pförtsch. „China funktioniert mit einer anderen inneren Logik“, hat Pförtsch festgestellt.
Vor allem aus dem Bereich der Markt- und Unternehmensentwicklung hat er viele Erkenntnisse mit nach Deutschland genommen. „Wir müssen die Studierenden so ausbilden und die Produkte so herstellen, dass sie noch besser international einsetzbar sind“, sagt der Zurückgekehrte.
Nach den drei Jahren im Ausland ist Pförtsch froh über seine Rückkehr nach Deutschland. „Ich kann überall leben, aber ich bin froh, wieder hier zu sein“, gibt der gebürtige Franke zu. Er fühlt sich nicht als „lokale Pflanze“ und schätzt umso mehr den Halt, den ihm seine Familie während der Reisen gibt. Mit China wird sich Waldemar Pförtsch auch von Pforzheim aus weiter beschäftigen. Er hat ein Buch geschrieben über „Ingredient Branding“ – die Bildung einer Marke für ein Produkt, das nicht einzeln, sondern nur als Bestandteil eines anderen Produktes erworben werden kann. Ein weiteres Buch ist in Vorbereitung. In Zusammenarbeit mit der CEIBS arbeitet er außerdem an dem Thema „Globalisierung chinesischer Marken“.
Bereits jetzt ist sich der Professor sicher: „In den nächsten zehn Jahren werden eine ganze Menge chinesische Firmen auftauchen, auch mit eignen Marken, die die Welt verändern werden.“ Daniela Huber





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