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In der Pforzheimer Innenstadt demonstrierten am Samstagnachmittag Hunderte von „Antifaschisten“ friedlich gegen „Geschichtsrevisionismus“. Fotos: Gerhard Ketterl

Eskalation bleibt aus

PFORZHEIM. Ohne größere Zwischenfälle ist trotz Rekordbeteiligung von Ultrarechten und -linken das Gegenprogramm zum zentralen Gedenken an die Opfer des 23. Februar 1945 vonstatten gegangen.

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„Wo ist der zweite Zug?“ Die Stimme des Leitenden Polizeidirektors ist schneidend, sein Befehl unmissverständlich. Holger Trunk will auf Nummer sicher gehen. Einige Minuten vorher hat der Abschnittsleiter der Bereitschaftspolizei die Order ausgegeben: „Wenn die Linken kommen: Helm auf – man weiß nie, was da so geflogen kommt.“ Nun ist Polizeichef Trunk vor Ort. „Battle zone“ – Kampfgebiet –, raunt einer der Polizisten. Es wird Trunks letzter großer Einsatz sein, bevor er im Mai in Pension geht.

Klare Trennlinie

Die Reihen werden geschlossen an der Absperrung am Wartberg. Es ist gewissermaßen die Demarkationslinie zwischen Links und Rechts. Vorne die zu erwartenden „Antifaschisten“. Hinten, auf dem Plateau, die rund 140 Anhänger des „Freundeskreises Ein Herz für Deutschland“ (FHD) und seine Sympathisanten, die sich gegen 19.40 Uhr formieren und kurz zuvor ihre Fackeln zur „Mahnwache“ anlässlich der Zerstörung Pforzheims vor 63 Jahren entzünden werden.

Dazwischen Bereitschaftspolizei – in jeder Hinsicht gut gerüstet mit aufgeschnallten Feuerlöschern und Branderstickungs-Planen (aus Angst vor „Molotow-Cocktails“), Schutzwesten, Schienbein-Schützern, Schlagstöcken und Schilden für den Notfall. In der zweiten Reihe die Diensthunde-Staffel, oben kreist ein „Bussard“ der Hubschrauber-Staffel Baden-Württemberg.

Trunk steht vor der Absperrung, ruft durchs Megafon: „Vermummung abziehen, sonst wird geräumt und die Kundgebung aufgelöst.“ Die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE), eine Spezialtruppe innerhalb der Bereitschaftspolizei, steht bereit – die Frauen und Männer sind dafür trainiert und ausgerüstet, blitzschnell zuzugreifen, um Störer gezielt aus dem Verkehr zu ziehen.

Die rund 200 Demonstranten, die sich hinter einem großen Banner „Gegen Geschichtsrevisionismus“ verschanzen, bewegen sich die Wiese hinunter Richtung Oberer Wingertweg. Damit hat die Polizei gerechnet, doch im Gegensatz zu früheren Jahren versuchen die Linken nicht, wie in einem Art Räuber- und Gendarmspiel nach oben durchzubrechen, um die bevorstehende Mahnwache zu stören, die Trunk genauso wie Erstem Bürgermeister Andreas Schütze und Ordnungsamtsleiter Wolf-Dietmar Kühn politisch ein Dorn im Auge ist. Doch sie wissen: Der Aufmarsch des FHD ist gerichtlich gedeckt und ein Polizeieinsatz aus Sicherheitsgründen notwendig. Das begann 2002, als die „Antifa“ erstmals darauf kam, dass die Ultra-Rechten sich seit acht Jahren auf dem Plateau versammelten, um auf ihre Art („Es war ein Kriegsverbrechen“, so FHD-Chef Silvio Corvaglia) der Zerstörung zu gedenken.

Linke der ganzen Rheinschiene

Rückblende: So bunt die Protestaktion des „Bündnisses Kritik und Aktion“ – mit Diavolo, Jonglierkeulen und Musikgruppe vor den „Grazien“ – ist, so weitgehend friedlich verläuft die Demonstration der „Antifa Baden-Württemberg“ tagsüber in der Innenstadt. Rund 500 Linksextreme aus der ganzen Rheinschiene bis hinunter nach Bühl finden sich auf dem Marktplatz ein, nachdem am Morgen schon vereinzelte Transparentaktionen in der City stattgefunden haben. „Wir wollen ein politisches Zeichen setzen und nicht randalieren“, sagt Andreas Fries, Pressesprecher des Bündnisses, das eine Mitschuld der Pforzheimer Rüstungsindustrie am vernichtenden Angriff der Alliierten sieht. Ein Teil der Protestierenden macht auf den Weg Richtung Hauptbahnhof, als bekannt wird, dass dort angekommene Linke von der Polizei „eingekesselt“ und durchsucht würden.

„Wir mussten sechs Menschen vorläufig wegen unerlaubten Tragens von so genannten Quarzsandhandschuhen und einem Prügelinstrument in Gewahrsam nehmen“, bestätigt Polizei-Pressesprecher Andreas Reuster – eine Vorgehensweise, die von den „Antifaschisten“ als „unverschämte Provokation“ bezeichnet wird.

Mit dem Ruf „Nazis raus aus unserer Stadt“ ziehen die Protestler ohne größere Zwischenfälle über Zerrennerstraße, Leopoldplatz und Bahnhofstraße zum Hauptbahnhof und den Schlossberg hinunter. Dort findet um 17.30 Uhr schließlich doch noch eine Kundgebung statt, an deren Anschluss es „heiß“ zu werden droht: Mehrere Hundert Teilnehmer ziehen zum Leopoldplatz. Dort wird die Versammlung offiziell aufgelöst – der Startschuss für die Wartberg-Rallye der Unentwegten.

Auf dem Plateau löschen die Teilnehmer der „Mahnwache“ nach 20 Minuten ihre Fackeln in Wassereimern, werden von der Polizei gewissermaßen durch den Hinterausgang an eine Sammelstelle geführt, wo sie ihre Autos und Busse stehen haben. Sicherheitshalber demonstriert die Polizei auch in den folgenden Stunden in der Innenstadt Präsenz.

Ein geplantes Konzert der Linken in einer Kneipe in der Innenstadt ist im Vorfeld abgesagt worden. Der Wirt hatte seine Zustimmung zurückgezogen. Er fühlte sich verschaukelt, weil die geschlossene Gesellschaft als „Geburtstagsfeier“ angekündigt gewesen war, ehe er auf die wahren Hintergründe kam und Ärger fürchtete. Die Polizei weist den Vorwurf zurück, sie hätte lenkend eingegriffen. Ein Staatsschützer: „Wäre doch prima gewesen – dann hätten wir sie alle unter Kontrolle gehabt.“


Autor: Olaf Lorch und Steffi Bettinger

30.05.2011

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