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Asfa-Wossen Asserate wurde in Äthiopien geboren, aber hat in Deutschland studiert. Im PZ-Forum vermittelt er zwischen Afrika und Europa.  Seibel
Asfa-Wossen Asserate wurde in Äthiopien geboren, aber hat in Deutschland studiert. Im PZ-Forum vermittelt er zwischen Afrika und Europa. Seibel
Viele Pforzheimer wollten wissen, was Asserate vorschlägt.
Viele Pforzheimer wollten wissen, was Asserate vorschlägt.
30.11.2016

Fingerzeig in die Zukunft: Asfa-Wossen Asserate über die Zukunft Afrikas

Am Geld kann es nicht liegen, dass Afrika im Kampf der Kontinente noch immer abgeschlagen erscheint. Das wird in der Lesung von Asfa-Wossen Asserate im gut besuchten PZ-Autorenforum überdeutlich. Rund zwei Billionen Dollar seien in den vergangenen 60 Jahren als Entwicklungshilfe in die unterentwickelten Teile der Welt geflossen – der Großteil davon nach Afrika. Hunger, Krieg und Terror halten den Kontinent weiterhin im Würgegriff. Wie kann das sein? Asserate erklärt es – und zeigt Lösungen auf.

In zwei Kulturen erzogen

Er ist prädestiniert für diese Aufgabe der Vermittlung. Denn als Deutscher mit äthiopischen Wurzeln kennt er Europa wie Afrika genau. Wie ist es dazu gekommen? Asserate ist ein Flüchtling; einer, dessen Fall mustergültig zeigt, warum es das Asylrecht gibt. Geboren wird Asserate in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Als Großneffe des Kaisers Haile Selassie kommt der Prinz in den Genuss einer guten Erziehung; er besucht die deutsche Schule in seiner Heimatstadt, macht sich nach dem Abitur gen Tübingen auf zum studieren. Sein Weg führt ihn weiter nach Cambridge, dann nach Frankfurt. Dort erreicht ihn die schreckliche Nachricht: Es herrscht Aufruhr in Äthiopien, Putschisten stürzen den Kaiser, ermorden Asserates Vater – und verfolgen seine Familie. Der Prinz wird ausgebürgert – wegen „revolutionsfeindlicher Umtriebe“. „Ich war ein politischer Flüchtling, wie er im Buche steht“, liest Asserate aus seinem Buch „Die neue Völkerwanderung“. Natürlich erhält er da ein Aufenthaltsrecht – und sieben Jahre später die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit den Flüchtlingen, die seit einigen Jahren auch aus Afrika nach Europa stürmen, hat Asserate eine Menge gemein – vieles aber auch nicht. „Ich musste mich keinem Schleuser andienen und durch die Wüste ziehen mit einem Bündel auf dem Rücken“, beschreibt er.

Warum machen sich so viele Afrikaner auf nach Europa? So eine komplexe Frage kann ein Abend nicht beantworten, aber ein Faktor steht fest nach Asserates rund einstündiger Lesung: Weil es nicht rund läuft in Afrika. Weil der Kontinent voll ist mit jungen Menschen, die etwas machen wollen aus sich – und die nicht mehr glauben, dass das in ihrer Heimat geht. Die Kolonialisierung hat Afrika so stark erschüttert, dass es immer noch zittert. Auf die Fremdherrschaft folgen einheimische Regierungen; besser sind die meist nicht – einer der Hauptgründe für Afrikas Probleme. Die Entwicklungshilfe will das Beste für den Kontinent; aber uneigennützig ist sie nicht.

Da werden Unrechtsregime mit Dollars am Leben gehalten, weil es die Realpolitik erfordert – afrikanische Rohstoffe braucht eben die ganze Welt. Gute Regierungsführung ist selten. Der Maßstab einer neuen Afrikapolitik soll sie trotzdem werden. „Europa muss endlich Schluss machen mit der fatalen Appeasement-Politik gegenüber Afrikas Potentanten“, sagt Asserate in emotionaler Aufruhr. Entwicklungshilfe also nur für den, der mitmacht im System der Rechtsstaatlichkeit. Kann das funktionieren? „Nur, wenn Europa mit einer Stimme spricht“, sagt Asserate.

Europa muss zusammenstehen

Skepsis ist angesagt angesichts des Staatenbunds, der sich noch einmal einigen kann auf eine gemeinsame Asylpolitik. Aber der Druck ist da. Asserate malt eine Schreckensvision, die schon bald Wirklichkeit werden könnte. „Was wird passieren, wenn sich Millionen von Afrikanern auf den Weg machen und ihrem Kontinent den Rücken kehren?“ Ihr Ziel ist Europa, das aber doch nicht jedem Schutz gewähren kann. Um die neue Völkerwanderung zu vermeiden, gibt es wohl nur eine Lösung: die Probleme in Afrika selbst zu lösen. „Fangen wir endlich damit an“, liest Asserate zum Schluss. Der Applaus verrät, dass er an diesem Abend Verbündete gefunden hat in diesem Bemühen.