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© Symbolbild dpa
12.11.2015

Gericht hat Zweifel an Version mit zurückgefordertem Hurenlohn

Gewissermaßen fünf vor zwölf kommt das entscheidende Schriftstück als Fax im Vorzimmer von Amtsgerichtsdirektor Karl-Michael Walz an – und es wirft alles über den Haufen. Sichere Überzeugungen zerschlagen sich, Schlussfolgerungen lösen sich in Luft auf – und Murat K. (Name geändert), 24, wird freigesprochen von der Anklage der Körperverletzung und des räuberischen Diebstahls.

Die einzige Zeugin – und gleichzeitig Nebenklägerin – ist hinreichend unglaubwürdig und ihre Aussage vor dem Schöffengericht derart widersprüchlich und in den Augen des Gerichts unglaubhaft, dass sich die Waagschale bei der Wertung von Aussage gegen Aussage zugunsten des 24-Jährigen senkt. Die Strafakte von Melanie S., 32, die 2014 nach einigen Jahren Pause wieder als Prostituierte anschaffte, weist zwei entscheidende Eintragungen auf: Verurteilungen wegen falscher Verdächtigung und Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen.

Die Vorstrafen und ihr Auftreten vor Gericht lassen Zweifel aufkommen an ihrer Version der Geschichte, die die Staatsanwaltschaft zur Grundlage ihrer Anklage gemacht und eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten (unter Einbeziehung eines Urteils vom Mai) für Murat K. fordert. Bis zur Hauptverhandlung gehen Polizei und Staatsanwaltschaft – aber nach Aktenlage auch der Vorsitzende des Schöffengerichts – davon aus, dass Murat der erste Freier nach längerer Vakanz war; dass er für 50 Euro oral befriedigt wurde – und drei Tage später sein Geld wiederhaben wollte, weil er die 50 Euro dringend benötigt habe. Die Prostituierte habe sich geweigert – und da habe er sie an den Haaren gezogen, sie über den Tisch ihrer Wohnung in ihrer Terminwohnung in der Au gestoßen und ihr den Geldbeutel mit 370 Euro Hurenlohn gestohlen. Weil sie sich gewehrt habe, seien sechs Fingernägel abgebrochen. Doch war das die Wahrheit?

Oder war es vielmehr so, dass die Offenburgerin, die zum ersten Mal – für zwei Wochen – in Pforzheim anschaffte, Murat, der ganz in der Nähe wohnt und dem man öfter über den Weg lief, 200 Euro gegeben habe mit der Maßgabe, er solle bei seinem Dealer dafür Marihuana beschaffen? So behauptet es Murat. Er sagt weiter, er habe das Geld verspielt, dies Melanie S. auch gebeichtet und versprochen, es zurückzuzahlen. Dann sei er gegangen. Ein Freier der Prostituierten sei er nie gewesen.

„Sozial auffällig“

Den Namen seines Marihuana-Dealers will er jedoch nicht nennen – „ich müsste Konsequenzen befürchten“, sagt er. Seit er 13 Jahre alt ist, kifft er, neun Eintragungen verzeichnet sein Vorstrafenregister, eine Ausbildung hat er nie gemacht, ist arbeitslos. „Wir waren alle sozial ein bisschen auffällig“, sagt er mit Blick auf seine schulische „Karriere“.

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