


Der Rohbau des Hilda-Gymnasiums ist fertig. Zum Richtfest am Montag wird unter anderem Baubürgermeister Alexander Uhlig erwartet.
Ein Rundgang über die Baustelle? Kein Problem, sagt Uwe Boos, „aber bringt Eure Helme mit“. Vorschrift, auch für Journalisten wie den PZ-Fotografen Gerhard Ketterl und seinen schreibenden Kollegen. Es ist die derzeit größte Baustelle in Pforzheim, direkt gegenüber dem Verlagshaus an der Kiehnlestraße. Vis-à-vis der Büros eines Teils der Redakteure legen von morgens bis abends, in der Regel zehn Stunden lang, Arbeiter Hand an den Neubau des Hilda-Gymnasiums.
Täglich sahen wir ihn wachsen, den mehrstöckigen Rohbau, hörten die Rufe, meist in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Kein Wunder: Bis zu drei Dutzend Rumänen der Baufirma Residenz zogen den Klotz als sogenanntes Werklohnunternehmen hoch – im Auftrag der Rohbaufirma Bold (Achern). Die wird nächstes Jahr 100 Jahre alt. Seit 33 Jahren schafft Boos für und bei Bold. Mit 16 Jahren hat er angefangen. Dies ist seine erste Schule, 2010 war er erstmals Polier bei einem Hotelbau. Einmal ist immer das erste Mal. „Das hier geht an die Grenze von dem, was man noch alleine bewältigen kann“, sagt Boos.
Sein Heiligtum ist das Beton-Tagebuch. Beton ist das Zauberwort. Ihm ordnet sich alles unter. Wenn das Material angeliefert wird, wird nicht eher Schluss gemacht, als bis die feuchte Masse verschafft ist. Und eine Probe genommen wird, um sie nach exakt 56 Tagen zu kontrollieren. Gute Qualität? „Spitzenqualität“, sagt Boos. Und wenn nicht? „Dann hätten wir ein Problem“, sagt er. 250 Probenwürfel hat er. Kein Ausschuss darunter. 300 Tonnen Beton haben sie eingespart dadurch, dass sie Tausende von Hohlkugeln als Deckenschalungselemente für den Westflügel verwendeten. Macht pro Decke eine Einsparung von 100 Tonnen.
Am vergangen Dienstag, sagt Bauleiter Wolfgang Zeller, sei die letzte Decke fertiggestellt worden samt Schwarzabdichtung mit Bitumen. Als nächstes stehe das Sichtmauerwerk in den Fluren an. Die ersten Glasscheiben sind in Richtung Innenhof eingesetzt, Material lagert auf Styroporbrocken. Die Rohinstallation der Technik hat bereits begonnen. „Da hinten: die Regenwasserzisterne“, sagt Boos. Aus der Wand im Keller lugen Geothermieleitungen. Das Hilda-Gymnasium soll Maßstäbe setzen. Das Energiekonzept stammt vom Büro Stahl + Weiß (Freiburg). Der Physiker Wilhelm Stahl spricht davon, die Schule sei der Energieeinsparverordnung der EU um zehn Jahre voraus. Unter anderem dienen 50 der gesetzten Bohrpfähle als Wärmetauscher. Im Sommer entziehen sie den Klassenräumen Wärme und führen sie ins Erdreich ab. Dadurch werden die noch immer vorhandenen giftigen Chlorkohlenwasserstoffe aus der Zeit der Schmuckfabrik Daub kontrolliert über ein Schlauchsystem abgesaugt.
„Hier ist die Giftabsaugung“, sagt Boos, deutet in das Halbdunkel der künftigen Tiefgarage, die übrigens öffentlich ist. 104 Autos werden ab dem zweiten Quartal 2012 hier Platz finden. Silbern glänzende Lüftungselemente liegen herum, bereit zum Einbau. Das Loch wird geschlossen sein, in dem jetzt noch der rote Kran mit dem über 40 Meter langen Ausleger steht, mit dem Kranführer Marcel – einer von noch 13 Rumänen – zentimetergenau seine Manöver vornimmt. Beispielsweise Hunderte von gestapelten Stahlstützen aus dem künftigen Pausenhof, den die Flügel des neuen Hilda-Gymnasiums umrahmen, heraushievt.
„Ab – stopp – langsam – rechts – passt“, dirigiert ein Kollege am Boden per Sprechfunk den Kranführer. Und so senkt sich ein Stahlträgerpaket nach dem andern auf die Ladefläche eines Sattelschleppers an der nur noch in eine Richtung befahrbaren Kiehnlestraße entlang des Bauzauns.
Am Montag um 16 Uhr werden sie zum Richtfest zusammenkommen: lokale Politiker und die Männer vom Bau. Die, für die Dienstag an dieser Baustelle der letzte Arbeitstag ist wie Uwe Boos oder Daniel Muteanu, den rumänischen Kapo. Sie werden den Richtspruch und das Glas klirren hören, wie es zerscheppert, um hernach Glück zu bringen, sich vielleicht einen Schluck gönnen und einen Happen zu essen. Dann werden sie weiterziehen, möglicherweise ein, zwei Wochen Pause einlegen. „Aber danach kommt wieder ’was anderes“, sagt Boos, hebt den roten Bauhelm an. Führung beendet. Er muss wieder schaffen. Fürs Reden wird hier niemand bezahlt. Olaf Lorch-Gerstenmaier
Autor: Olaf Lorch-Gerstenmaier





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