



An der Bilfinger Uferstraße wird gehämmert, verputzt, gestrichen – die Familie Wessinger bringt ihr Haus auf Vordermann. Erst im Frühjahr haben es seine Eltern Jürgen Wessinger hinterlassen. Eigentlich ein Segen, denn endlich gibt es für die sechsköpfige Familie mehr Platz. Bisher lebten sie in einer Viereinhalb-Zimmer-Wohnung an der Bilfinger Hauptstraße. „Dort gab es keinerlei Chance auf Rückzug“, sagt Mutter Susanne. „Bei vier Kindern ist einfach immer was los.“ Noch dazu, wenn eines davon an den Rollstuhl gebunden ist – wie die 19 Jahre alte Sabrina.
Als Susanne Hecht im sechsten Monat mit ihren Zwillingen schwanger war, stellten Ärzte fest, dass eines der Mädchen einen Wasserkopf hat. Tonisha und Sabrina kamen vier Wochen zu früh auf die Welt, doch – leider nur Tonisha – gesund. Bei Sabrina wurde eine Schädigung des Rückenmarks diagnostiziert. Spina bifida, ein offener Rücken, sollte das Mädchen von nun an stark beeinträchtigen. Sabrina war und ist stark: Sie ging in die Grundschule in Bilfingen, das war für sie ganz selbstverständlich. Im Heilpädagogischen Zentrum folgten später Maßnahmen zur Bewegungsverbesserung. Derzeit besucht Sabrina die Berufs-Vorbereitungs-Einrichtung der Gustav-Heinemann-Schule in Pforzheim. Und ihre Leistungen sind gut:
Im Rahmen des berufsvorbereitenden Unterrichts arbeitete die 19-Jährige bereits bei der Lebenshilfe, wo sie allerdings unterfordert war, und beim Landratsamt des Enzkreises. Dort absolvierte sie ihren Einsatz mit Bravour. Darauf ist Sabrina besonders stolz. Nicht minder natürlich Mutter Susanne. Sie ist für die Kinder da. „Ich möchte, dass alle gut versorgt sind“, sagt die 45-Jährige. Auch die beiden jüngeren, die 13 Jahre alte Nathalie und der zehn Jahre alte Niklas. „Das ist ein Vollzeit-Job.“ So ist das Pflegegeld in Höhe von 700 Euro für Sabrina, das einzige Einkommen, das Susanne Wessinger-Hecht hat. „Und die 700 Euro benötigen wir großteils für Hilfsmittel“, erklärt sie. Das sind beispielsweise Katheter, Asthmaspray, Windeln oder auch Zuzahlungen für Medikamente. Ansonsten gibt es 570 Euro Kindergeld. Vater Jürgen Wessinger ist bei der Gemeinde Bilfingen das „Mädchen für Alles“, wie er seinen Job beschreibt. „Ich arbeite schon viele Jahre und vor allem sehr gerne dort“, erzählt er. Doch als Alleinverdiener sind die finanziellen Mittel der Familie sehr begrenzt. Noch dazu, weil nach der Erbschaft des Hauses zwei seiner Brüder ausbezahlt werden mussten.
Jürgen Wessinger gibt nicht auf. Er nutzt jede freie Minute, um selbst Hand am Haus anzulegen. „Nur so bleiben die Kosten in einem einigermaßen überschaubaren Rahmen.“ Damit das Eigenheim allerdings behindertengerecht wird, muss einiges mehr aufgewendet werden. „Wir benötigen ein behindertengerechtes Bad, die Hauseingangstür und die Türen im Erdgeschoss müssen soweit verbreitert werden, dass ein Rolli durchpasst und außerdem entsteht eine Rampe durch den Garten, damit Sabrina eigenständig ins Haus kommt“, erklärt der 44-Jährige. Alleine die Rampe kostet rund 6000 Euro.
Jedes der Kinder hat im neuen Haus ein eigenes Zimmer. „Darauf freuen wir uns besonders“, schallt es im Chor. Denn das Zusammenleben auf engstem Raum war in der Wohnung der Wessingers oft nervenaufreibend.
Sabrinas Zimmer liegt im Erdgeschoss. Ebenso wie das Elternschlafzimmer und das Bad. Für den behindertengerechten Umbau des Bades, der mit rund 12000 Euro zu Buche schlägt, erhält die Familie 2500 Euro von der Krankenkasse. Sonst muss sie alles selbst finanzieren. Im oberen Stock befinden sich die übrigen Kinderzimmer. Wenn Sabrina zu ihnen möchte, dann geht das nur, wenn sie die Treppe nach oben hüpft. „Aber das schaffe ich schon“, sagt sie selbstbewusst. Ebenso ist es derzeit an der Eingangstür. Auch hier muss die 19-Jährige sich auf ihre Kräfte verlassen. Allerdings ist das bei schlechtem Wetter nicht mehr menschenwürdig.
Die PZ-Aktion „Menschen in Not“ unterstützt die Wessingers deshalb beim Bau der Rampe durch den Garten. Susanne Knöller
Autor: Susanne Knöller

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