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07.10.2010

Kostenreduktion bei der Lochung von Akten?

PFORZHEIM. Schnürles? Kennt außerhalb Nordbadens kein Mensch, jene Art Fußballtennis über ein in 50 Zentimeter hohes Seil also, praktiziert von jeweils vier Spielern, erfunden in Pforzheim in den 20er-Jahren. Sein Namensgeber: der damalige FCP-Trainer Fritz Schnürle, ein Fußball-Idol seiner Zeit.

Badische Lochung – kennt außerhalb Badens auch kaum jemand, sonst hieße sie nicht so. Die Schwaben und andere Deutsche lochen ihre Akten mittig, sperren sie – ob wenige Blätter oder ein dickes Konvolut – in einen Leitz-Ordner. Das macht sich immer gut bei Fernsehaufnahmen, wenn bei Gerichtsprozessen fünf Meter Akten abgefilmt werden. In Bayern praktiziert die Justiz die Lose-Blatt-Sammlung zwischen zwei Kartondeckeln, was allerdings bei ungeschickter Handhabung zu einer größeren Fleißarbeit führen kann.

In Baden also die Lochung. Uralt, über 200 Jahre praktiziert, praktisch und billig. Aber nicht so billig, dass man nicht auch dort noch etwas einsparen könnte. So überlegte man in kleiner Runde bei der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe, wo es noch Einsparpotenziale gebe. Man rechnete mit spitzer Feder – fast so spitz wie der Aktenstichel, der wie der spezielle Aktenlocher und die Schnur zur Grundausstattung jeder Justizbehörde im Bezirk des Oberlandesgerichts Karlsruhe gehört – und kam zu folgendem Ergebnis: Würde man die bisher praktizierte und bei der Werkstatt der Vollzugsanstalt Mannheim angesiedelte Produktion jener Schnüre vereinheitlichen, ergebe sich eine ordentliche Kostenreduktion. Bisher gibt es im Apparat der Justizbehörden nicht nur eine Knotenfarbe und -stärke, sondern deren sechs oder sieben. Das erfordert Flexibilität bei der Produktion, und das kostet. Ob privat oder durch einen verschlankten Produktionsprozess in einem Gefängnis – da wären summa summarum 20 000 Euro drin. Und das nur für die Staatsanwaltschaften. Eine Arbeitsgruppe bei der Generalstaatsanwaltschaft wird sich nun daran machen, Details zu klären. Kein Witz.

Wenig Probleme mit der Badischen Lochung hat beispielsweise Oberstaatsanwalt Christoph Reichert. Der hat in Bayern studiert, wurde dort promoviert und hat vor seiner Ernennung zum Pforzheimer Behördenleiter fünf Jahre im Justizministerium des Landes Baden-Württemberg gearbeitet.

Aber locker liegt der handliche Aktenlocher in seiner Hand, der im Abstand von 43 Millimetern zwei Löcher mit einem Durchmesser von nur 2,5 Millimetern stanzt, durch die mit einem Aktenstichel als Einfädelhilfe besagte Schnur gezogen und hinten verknotet wird. Das erleichtert das Umblättern beim Verlesen der Anklage und Kopieren ungemein.

Die Kunst des Knotens bekam Reichert zum Abschied seiner Laufbahnstation beim Landgericht Baden-Baden in Form eines zweistündigen Kurses beigebracht. Und auch nach seiner Zeit in Stuttgart musste er sich nicht umstellen: Das Justizministerium ist das einzige Refugium auf schwäbischem Boden, in dem – zumindest in einigen Bereichen – die Badische Lochung praktiziert wird.