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19.09.2008

Krise beherrscht Finanzmärkte

Es ist noch nicht so lange her, da verzockte ein kleiner Aktienhändler der französischen Bank „Société Générale“ angeblich unbemerkt schwindelerregende fünf Milliarden Euro am Finanzmarkt. Das Geldhaus geriet ins Trudeln, Fachleute und Politiker forderten seinerzeit bessere Kontrollmechanismen. Das kommt uns bekannt vor – spätestens seit junge Investment-Jongleure 1974 die Kölner Privatbank „Herstatt“ mit Dollar-Geschäften in den Ruin spekulierten. Seitdem gibt es zwar den Anlagensicherungsfonds der deutschen Banken, der – gesetzlich vorgeschrieben – wenigstens die kleinen Sparer bis zu 20 000 Euro schützt. Doch trotz dieser und weiterer Pleiten bis in die jüngste Vergangenheit sind die Zocker an den Börsen nicht weniger geworden – im Gegenteil: Ihre Einsätze werden immer riskanter, und die Gesetzgeber schauen zu. Vorsichtig wird allein, wer schon so hoch verloren hat, dass er nicht mehr mitspielen darf. Doch wer dagegen schon mal ohne große Arbeit Spekulationsgewinne erzielt hat, den lässt die Lust am Zocken so einfach nicht mehr los.

Und ewig lockt das Geld

Die Gier wird zunehmend zur Generalentschuldigung für alle menschlichen Verfehlungen in der Wirtschaft. In fast allen Fällen aber ohne Folgen für die Spielregeln am Börsenmarkt, für die der Steuerzahler immer tiefer in die Tasche greifen muss. Denn das eigentliche Problem liegt im System, das die menschliche Gier fördert. In der Finanzwirtschaft gilt seit jeher das Prinzip, das eigene Geld möglichst schnell zu vermehren; das lernen Wirtschaftsstudenten schon im ersten Semester. In der Realität kommt hinzu, dass die Haptik des Geldes fehlt. Wer Finanzprodukte am Computer verhökert, kennt auch seine Partner in der Regel nicht. In dieser Anonymität fallen alle moralischen Hemmschwellen: Jeder versucht, den anderen – salopp gesagt – übers Ohr zu hauen.

Unter Investmentbankern kursiert der Spruch, das Geld in Deutschland langweile sich, weil die erzielbaren Renditen in der Realwirtschaft unbefriedigend seien. Noch in den siebziger Jahren waren Kapitalrenditen unter zehn Prozent in der Industrie üblich und auch akzeptiert. Heute müssen es 20, 25 und mehr Prozent sein. Börsenhändler warten nicht selten mit Renditeversprechen von 30 und mehr Prozent auf. Es ist nur zu menschlich, dass nach den höchsten Gewinnmargen gesucht wird.
Das jedoch führt dazu, dass immer mehr Kapital aus der Realwirtschaft in die Finanzwirtschaft transferiert und dort als Spieleinsatz gehortet wird. Angst vor hohen Verlusten beherrscht inzwischen die Aktienkurse mehr als der tatsächliche Wert eines Unternehmens. Es kann niemand erwarten, dass das auf Dauer gut geht. Und menschliche Schwächen werden den Markt weiter aufblähen, wenn eine internationale Finanzaufsicht dem Treiben nicht Einhalt gebietet.