



Es war wohl ein Sturz vom Fahrrad – so genau weiß das niemand mehr. Doch seit diesem Tag im jungen Leben der Melissa W. (Namen geändert) war nichts mehr so wie bisher: Das Mädchen, das vor zwei Wochen selbst zum zweiten Mal Mutter geworden ist, verlor seine Hörfähigkeit. Allerdings wurde das damals nicht sofort festgestellt, sondern erst, als Melissa in der Schule Auffälligkeiten zeigte. Zuerst lautete die Diagnose Konzentrationsschwäche. Doch in der Kopfklinik in Heidelberg wurde nach vielen Tests festgestellt, dass das Kind stark hörgeschädigt ist.
„Das Problem ist aber bis heute nicht eindeutig geklärt“, erzählt Melissa. Denn ihre Einschränkung sei ganz von der Sprachfrequenz ihres Gegenübers abhängig. Es gebe Gespräche, bei denen sie alles versteht. „Doch auch wenn der Augenkontakt gut ist, fällt es mir nicht immer leicht, das Gesagte aufzuschnappen.“
Schwieriger werde es beim Telefonieren. „Das habe ich so gut wie aufgegeben“, verrät die 23-Jährige. Auch das ständige Nachfragen im Freundeskreis schränke sie ein. „Das nervt die Leute nur.“ Ansonsten komme sie im Alltag mit ihrem exotischen Hörverlust aber gut zurecht. Es gebe keine Gefahrensituationen. „Ich habe mich auch im Straßenverkehr daran gewöhnt, dass es schwierig ist.“
Seit zwei Wochen hat sich das Leben von Melissa und ihrem Freund nun grundlegend verändert: Lara ist auf der Welt. Ganze 53 Zentimeter groß und 3960 Gramm schwer, wird sie Mama und Papa künftig um die Finger wickeln. „Ich freue mich sehr darüber, dass wir nun zu dritt sind“, sagt die junge Frau. Denn die Geburt ihrer Tochter ist für Melissa wie ein Neuanfang.
Bei ihrem ersten Kind, Marcel, der 2008 auf die Welt kam, lief nämlich vieles nicht so rund. Zuerst ging die junge Ehe in die Brüche, die Scheidung folgte, dann nahm der Ex-Mann den Jungen mit nach Norddeutschland, schließlich liegt das gemeinsame Sorgerecht vor. „Ich habe den Kleinen schon wieder seit seinem Geburtstag im Juli nicht gesehen“, sagt Melissa traurig.
Nun hilft eine Familienhelferin dem jungen Paar, damit alles mit der kleinen Erdenbürgerin klappt. Der Freund der Mutter geht einer geregelten Tätigkeit nach und verdient mit 1400 Euro so viel, dass es vom Amt keine Unterstützung gibt. Das Paar bezahlt davon die Miete in Höhe von 550 Euro und alle anfallenden Kosten. Durch ihren Ex-Mann sitzt Melissa aber noch auf einem Berg von Schulden. „Er ist damals einfach abgehauen“, sagt sie verärgert. Damit ihre Tochter in geregelten Verhältnissen aufwächst, hat nun auch die Arbeit mit der Schuldnerberatung begonnen. „Ich möchte, dass es die Kleine besser hat“, so die junge Mutter. „Früher habe ich etwas angefangen und dann schleifen lassen. Jetzt ziehe ich alles durch. Denn wenn ich will, kann ich.“
Das sieht auch die Familienhelferin so. „Ich musste vieles anschieben, weil Melissa nicht so willensstark war, aber jetzt wird nicht nur viel geredet, sondern auch gemacht“, sagt die Fachfrau. Zweimal pro Woche ist sie bei der Familie. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben – damit bei Melissa und ihrer Familie weiterhin alles rund läuft.
Eine Erleichterung wird es zumindest geben: Die PZ-Aktion „Menschen in Not“ hat die junge Frau beim Kauf zweier Hörgeräte unterstützt. Das Problem: Bei Melissa passten die Kassengestelle nicht. So liegt ihr Eigenanteil bei 1600 Euro. Das könnten die jungen Eltern auf keinen Fall alleine stemmen. Und gerade jetzt, mit dem kleinen Erdenbürger, ist es wichtig, dass Melissa keinen Atemzug überhört.
Autor: Susanne Knöller

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