nach oben
Matthias Sutter lehrt Experimentelle Wirtschaftsforschung in Köln. Privat
Matthias Sutter lehrt Experimentelle Wirtschaftsforschung in Köln. Privat
18.10.2016

PZ-Interview mit Matthias Sutter über die Geschwindigkeit der Gegenwart

Geschwindigkeit ist eines der beherrschenden Themen der Gegenwart. Der Wirtschaftswissenschaftler Matthias Sutter rückt Mittwochabend ab 19 Uhr beim Studium generale an der Hochschule eine Tugend in den Mittelpunkt, die mitunter in Vergessenheit gerät: „Die Entdeckung der Geduld: Ausdauer schlägt Talent“ lautet das Thema seines Vortrags, das auch Titel seines 2014 erschienen Buches ist.

PZ: Herr Sutter, sind Sie ein geduldiger und ausdauernder Mensch?

Matthias Sutter: Ja, denn als Wissenschaftler muss man einen langen Atem haben, um langfristige Projekte erfolgreich durchführen zu können.

PZ: In welchen Situationen sind Sie ungeduldig? Und warum?

Matthias Sutter: Ungeduld überfällt mich manchmal in Alltagssituationen, wie wenn ich einen Kasten von Ikea schneller zusammenbauen möchte, als das möglich ist. Ich habe festgestellt, dass das nicht passiert, wenn ich von vornherein erwarte, dass eine bestimmte Arbeit länger dauern wird.

PZ: Was ist denn wichtiger: Ausdauer oder Intelligenz?

Matthias Sutter: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass beides für Erfolg im Leben ungefähr einen gleich großen Stellenwert hat. Das bedeutet auch, dass man mit mehr Ausdauer geringere Intelligenz wettmachen kann, ebenso wie mehr Intelligenz ein geringeres Ausmaß an Ausdauer kompensieren kann für den Erfolg. Im Idealfall ist man natürlich sowohl ausdauernd als auch intelligent.

PZ: Intelligenz ist stark genetisch bedingt, wie verhält es sich mit der Ausdauer?

Matthias Sutter: Zur genetischen Veranlagung liegen meines Wissens noch keine belastbaren Ergebnisse vor. Jedoch ist es bekannt, dass geduldige und ausdauernde Eltern eher auch ausdauernde Kinder haben.

PZ: Wie kann man Geduld und Ausdauer in späteren Jahren lernen oder verbessern?

Matthias Sutter: Mir selbst hilft es, dass ich mir die eigenen Ziele immer wieder bewusst in Erinnerung rufe. Bei langfristigen Projekten hilft das beispielsweise, Durststrecken zu überwinden und nicht aufzugeben. Ausdauer und Geduld haben nämlich auch mit Frustrationstoleranz zu tun, dass nicht jedes Ziel sofort erreichbar ist. Darum muss das Ziel stets vor Augen bleiben.

PZ: Gibt es soziale und/oder kulturelle Unterschiede bei diesen Fähigkeiten? Fällt es etwa Ihnen als katholischer Theologe mit den großen Fragen im Hinterkopf vielleicht leichter, Geduld zu üben, als anderen?

Matthias Sutter: Mein Theologiestudium hat mich vor allem durch den philosophischen Teil in meinem Denken geprägt, meine Geduld hat es aber vermutlich nicht merklich beeinflusst. Wie ich vorhin aber schon angedeutet habe, spielt das Elternhaus eine große Rolle für die Geduld und Ausdauer der Kinder. Das soziale Umfeld ist also wichtig. Kürzlich hat eine Gruppe Bonner Ökonomen auch gezeigt, dass es rund um den Globus große – teilweise kulturell bedingte – Unterschied im Ausmaß an Geduld gibt.

PZ: Die Welt ist extrem schnelllebig geworden. Wie verändert das unser Verhältnis zu Tugenden wie Geduld und Ausdauer?

Matthias Sutter: Die modernen Technologien beschleunigen unser Leben. Das ist für das Ausüben von Geduld und Ausdauer sicher nicht förderlich.

PZ: Welche Auswirkungen hat das auf eine Gesellschaft?

Matthias Sutter: Es wird dadurch eher der schnelle Erfolg angestrebt. Das kann aber auf Kosten des langfristigen Erfolgs gehen. Das Verfolgen langfristiger Ziele wird dadurch schwieriger und das ist für eine Gesellschaft als Ganzes als eher ungünstig einzustufen.

PZ: Gibt es eigentlich auch ein Zuviel an Geduld? Wie zieht man die Grenze zur Passivität?

Matthias Sutter: Unter Geduld sollte man nicht „Aussitzen“ verstehen. Geduld hat etwas damit zu tun, dass man beständig auf etwas hinarbeitet und sich und seiner Umwelt dabei auch Zeit gibt. Wenn sehr schnelle Entscheidungen gefragt sind – denken Sie etwa an einen OP-Raum – kann Geduld beispielsweise schädlich wirken.