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Mit dem Grundgesetz unterwegs: Die Soziologin Miriam Geoghegan diskutiert mit den irakischen Flüchtlingen immer wieder über die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland.  Reinhardt
Mit dem Grundgesetz unterwegs: Die Soziologin Miriam Geoghegan diskutiert mit den irakischen Flüchtlingen immer wieder über die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland. Reinhardt

PZ-Interview mit der Soziologin Miriam Geoghegan über die Lebensgewohnheiten der yezidischen Flüchtlinge aus dem Irak

Die Stadt hat vor allem für die Frauen besondere Angebote entwickelt.

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Pforzheim ist die Stadt in Baden-Württemberg mit den meisten irakischen Flüchtlingen (rund 1600). In den vergangenen Jahren sind vor allem Yeziden nach Pforzheim gekommen – oftmals Frauen mit mehreren Kindern im Rahmen der Familienzusammenführung. Inzwischen leben über 1000 Yeziden in Pforzheim. Sie verfügen meist über keine oder wenig Schulbildung, leben stark im Familienverband und in einem Kastensystem, in dem arrangierte Ehen und ein traditionelles Frauenbild üblich sind. Für eine Integration in unserer Gesellschaft birgt das Chancen und Risiken.

PZ: Das Yezidentum ist eine sehr alte, archaische Religion. Wie unterscheidet sich dadurch das Leben der Yeziden von unserem?
Geoghegan: Das Yezidentum ist zwar eine der ältesten Religionen der Welt. Als archaisch würde ich sie jedoch nicht bezeichnen. Archaisch sind vielmehr die yezidischen Traditionen. Das Bewusstsein, einer kleinen, verfolgten, und sehr exklusiven religiösen Minderheit anzugehören, ist bei den Yeziden sehr ausgeprägt. Es ist ihnen streng verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten. Wer das tut, ist kein Yezide mehr. Für die Yeziden stehen die Zugehörigkeit zum Familienverband und der familiäre Zusammenhalt im Mittelpunkt. Diese Geschlossenheit hat zur Folge, dass die Moderne nur langsam Einzug hält.

PZ: Welche Rolle spielen Ehrenmorde in deren kulturellen Verständnis von Scham und Ehre?
Geoghegan: Von der Ethnie her sind Yeziden Kurden. Und wie die traditionelle sunnitisch-kurdische Kultur ist auch die yezidische Kultur eine sogenannte Schamkultur. Die Ehre der ganzen Familie hängt von der wahrgenommenen Sittsamkeit – von der „Sauberkeit“ – der Mädchen und Frauen ab. Sobald ein Mädchen in die Pubertät kommt, wird ihre Bewegungsfreiheit deshalb eingeschränkt. Wenn ein weibliches Mitglied die Ehre der Familie beschmutzt, muss es hart bestraft werden. Unter Yeziden – und sunnitischen Kurden – im Irak muss bei schweren Verfehlungen die Betroffene sogar getötet werden, damit die Ehre der Familie wiederhergestellt ist. Einer der Interviewten meinte, wenn seine Frau hier in Deutschland fremdgehen würde, würde er sich lediglich von ihr scheiden lassen.

PZ: Unter welchen Bedingungen bezüglich Hygiene, Wohnen, Ernährung und Bildung leben die Yeziden im Irak?
Geoghegan: Neunzig Prozent der Yeziden im Irak leben in ländlichen Gebieten in der nordirakischen Provinz Niniveh; zehn Prozent leben in der angrenzenden Provinz Dohuk, die zur Autonomen Region Kurdistan gehört. Die yezidischen Bewohner wurden unter Sadam Hussein zwangsumgesiedelt; mehrere Dörfer wurden zu je einem Kollektivdorf (Mujamma) zusammengefasst mit bis zu 15 000 Einwohnern. In der Regel ist deren Infrastruktur immer noch katastrophal, besonders in der Wüstenregion Sinjar im Westen von Niniveh, wo viele Pforzheimer Yeziden herkommen. Die Bewohner haben keinen regelmäßigen Zugang zu Trinkwasser; sie sind auf Lebensmittellieferungen angewiesen, weil sie von ihren Ländereien abgeschnitten sind. Die schulische Versorgung ist oft miserabel: Manchmal gibt es nur eine Grundschule für ein ganzes Mujamma. Weiterführende Schulen gibt es nicht. Daher haben viele yezidische Mädchen und Frauen noch nie eine Schule besucht, und die männlichen Yeziden höchstens die Grundschule. Die Yeziden sind auch deswegen bildungsfern, weil sie von Bildung ferngehalten wurden.

PZ: Wieso werden sie in Deutschland als politische Flüchtlinge anerkannt?
Geoghegan: Weil sie nachweislich verfolgt werden. Unter Saddam Hussein ging es ihnen zwar nicht gut. Aber nach seinem Sturz wurde ihre Lage viel schlimmer, denn sie wurden auf einmal Ziel der Islamisten. Unter Saddam Hussein konnten die Männer Arbeit in den Städten suchen. Danach war das zu gefährlich. Der Höhepunkt der islamistischen Kampagne gegen sie wurde im August 2007 erreicht, als vier Lkw-Bomben von Selbstmordattentätern zeitgleich in zwei yezidischen Kollektivdörfern in der Region Sinjar hoch gingen. Fünfhundert Yeziden wurden getötet und 1500 verletzt. Der Zustrom der Yeziden nach Pforzheim ist 2007 stark angestiegen. Ich vermute, dass dieses Ereignis als Katalysator wirkte.

PZ: In der Regel fehlt vor allem den  Frauen eine Schulbildung. Was bedeutet das für die Integrationsbemühungen der Stadt Pforzheim?
Geoghegan: Das bedeutet, dass sie nur gelingen können, wenn auch die Frauen entsprechend gefördert werden. Und dass man maßgeschneiderte Angebote braucht. Das hat man in Pforzheim zum Glück auch längst erkannt. Die Leiterin des Familienzentrums Au hat einen Frauenkurs „Ankommen in Pforzheim“ konzipiert, der mittlerweile an allen Familienzentren angeboten wird. Die Schwerpunkte sind Alltagsbewältigung, Erziehung und Kommunikation. Die Teilnehmerinnen sind danach viel besser in der Lage, den Integrationskurs mit Alphabetisierung zu meistern. Das Projekt „Integra“ der Volkshochschule ist auch ein gutes Angebot.

PZ: Die Hälfte der Flüchtlinge ist arbeitslos, die andere Hälfte arbeitet oftmals als ungelernte Kraft. Was sind das für Jobs?
Geoghegan: Die meisten yezidischen Männer, die Arbeit haben, sind als Leiharbeiter im Vierschichtbetrieb bei einem Tiernahrungshersteller in Bretten tätig oder arbeiten in dessen Hochregallager in Bretten-Gölshausen. Der durchschnittliche Nettoverdienst liegt bei 1000 Euro. Andere arbeiten als Reinigungskraft oder auf dem Großmarkt in Karlsruhe. Wieder andere haben sich selbstständig gemacht. Es gibt mindestens zwei yezidische Friseurläden und ein Internetcafé in Pforzheim. Eine andere yezidische Familie hat einen Reinigungsbetrieb gegründet. Auch ihr Betrieb scheint sehr erfolgreich zu sein.

PZ: Welche Fähigkeiten bringen die Flüchtlinge mit, die für uns und die Integration der Zuziehenden von Vorteil sind?
Geoghegan: Ich habe mir sagen lassen, dass die Yeziden echt zupacken können, dass sie sehr ordentlich arbeiten, und dass sie vor allem arbeiten wollen. Die yezidischen Betriebe, die ich gerade erwähnte, zeugen davon, dass einige Familien sehr geschäftstüchtig sind. Die Kinder der Familien, die schon länger hier leben, können zum Teil beachtliche Bildungserfolge vorweisen. Manche haben es sogar auf die Realschule oder das Gymnasium geschafft.

PZ: Yeziden heiraten innerhalb ihrer Kasten. Arrangierte Ehen mit 15-jährigen Mädchen sind erwünscht. Deren Platz ist am Herd. Das widerspricht unseren Überzeugungen. Wie können junge Yeziden trotzdem einen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen?
Geoghegan: Arrangierte Ehen sind in der Tat die Regel und im Irak ist 15 das bevorzugte Heiratsalter für die Mädchen, und 18, 19 für die Jungs. Hier in Pforzheim muss man wohl unterscheiden zwischen den Yeziden, die seit fast zehn Jahren hier sind, deren Kinder also hier zur Schule gehen, und den Yeziden, die erst seit Kurzem hier sind. Bei vielen Alteingesessenen scheint ein moderneres Denken zu herrschen. Ihre Töchter werden nicht jung verheiratet; Ausbildung und eine berufliche Tätigkeit scheinen erwünscht zu sein. Bei den Neuankömmlingen dagegen scheinen eher irakische Verhältnisse zu herrschen. Mein Eindruck ist, dass bei ihnen 16 Jahre das bevorzugte Heiratsalter ist für Mädchen. Die Bräutigame sind jedoch meist viel älter (um die 30), denn es dauert lange, bis sie das Geld gespart haben für den Brautpreis und die Hochzeitsfeier.

PZ: Für manches Mädchen wird in Pforzheim bis zu 20 000 Euro Brautgeld gezahlt. Woher nehmen die Familien, die sich ja oftmals schon durch die Schlepperbanden verschuldet haben, dieses Geld?
Geoghegan: Es gibt eine freiwillige Selbstverpflichtung, dass das Brautgeld (Qelen), das für die Eltern der Braut bestimmt ist, 7000 Euro nicht übersteigen darf. Meine yezidischen Interviewpartner behaupten, dass man sich daran hält. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass, wie bei den türkeistämmigen Yeziden in Niedersachsen, Saarbrücken oder Berlin auch, Marktgesetze herrschen. Für ein irakisch-yezidisches Mädchen mit einem deutschen Schulabschluss soll ein höheres Qelen fällig sein: 20 000 Euro für einen Hauptschulabschluss und erheblich mehr, wenn das Mädchen auf dem Gymnasium ist. Das können wohl nur Yeziden aufbringen, die schon länger hier leben. Ich gehe davon aus, dass man für die 16-jährigen Neuankömmlinge nicht mehr als 7 000 verlangen kann.

PZ: Wie wird eine solche Trauung vollzogen, die ja nach unserem Gesetz in diesem Alter nicht möglich wäre? 
Geoghegan: Wenn die Mädchen minderjährig sind, wird zunächst nur religiös geheiratet, denn kein Familiengericht würde im Falle einer arrangierten Ehe eine Befreiung von der Erfordernis der Ehemündigkeit gemäß Paragraf 1303 Bürgerliches Gesetzbuch erteilen. Erst letzte Woche habe ich von zwei Mädchen erfahren, die dieses Jahr mit 16 verheiratet wurden. Die eine wohnt noch bei den Eltern und geht weiterhin zur Schule. Ihr Ehemann ist 31. Die andere wurde von der Schule abgemeldet und nach München verheiratet.

PZ: Die irakischen Kinder sollen einerseits schnell Deutsch lernen und sich in der Schule einfügen, andererseits den traditionellen Vorstellungen ihrer Eltern folgen. Wie kann der Spagat gelingen?
Geoghegan: Das kann erst gelingen, wenn die Eltern „den harten Kopf“ des traditionellen Denkens überwinden, wie ein yezidischer Interviewpartner es ausdrückte. Und das wiederum wird erst erfolgen, wenn man ihnen unmissverständlich klar macht, dass das der Preis ist, den sie zahlen müssen, wenn sie in einem modernen, freiheitlich demokratischen Land wie Deutschland leben wollen, in dem die Grundrechte für alle gelten. Ihre Traditionen mögen hart sein, aber sie sind erstaunlich herzlich. Den Mut, Unbequemes anzusprechen, und die Einhaltung von Grundrechten durchzusetzen, muss man aufbringen, denn das ist man den irakischen Kindern schuldig.

PZ: Christliche Flüchtlinge aus dem Irak stammen meist aus einer gebildeten Mittelschicht. Welches Verhältnis haben sie zu den yezidischen Flüchtlingen?
Geoghegan: Die Christen, die ich interviewt habe, haben eine sehr herzliche Beziehung zu den Yeziden. Beide, Christen wie Yeziden, sind verfolgte Minderheiten im Irak. Das verbindet.

PZ: Was brauchen die Flüchtlinge sonst noch?
Geoghegan: Dringend notwendig wäre eine kritische Auseinandersetzung mit den Traditionen, die meiner Meinung nach die größten Integrationshindernisse sind. Es nützt wenig, die Mädchen über ihre Rechte aufzuklären. Denn solange die Eltern auf die Einhaltung der Traditionen beharren, stehen die Mädchen vor einer unmöglichen Wahl: das eigene Leben leben, und riskieren aus der Familie ausgeschlossen zu werden oder sich den Traditionen unterordnen. Ein Interviewpartner, der jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft hat, meinte: „Den harten Kopf muss man im Irak vergessen. Muss man denken wie deutsche Leute. Man muss sich integrieren.“

Autor: das Gespräch führte Martina Schaefer | PforzHeim

20.07.2011

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Leserkommentare (16)

Mehr Kommentare
1
ruul | 20.07.2011 | 18:12

Gutes Interview, das einem Hintergrundinformationen liefert. Aufgrund dieser Informationen kann ich aber nur zur Überzeugung gelangen, dass die Risiken überwiegen. Wenn man von Chancen spricht, dann wäre ein Hinweis angebracht worin diese gesehen werden.... mehr...

2
Mneuer | 20.07.2011 | 21:32

Einfach Unglaublich, dieses Interview. Danke an die PZ, für die wirklich kritischen Fragen. Die Antworten empören mich! Ich habe meine Kommentare unterstrichen dargestellt. Inzwischen leben über 1000 Yeziden in Pforzheim. Sie verfügen meist über keine oder wenig Schulbildung, leben stark im Familienverband und in einem Kastensystem, in dem arrangierte Ehen und ein traditionelles Frauenbild üblich sind. Für eine Integration in unserer Gesellschaft birgt das Chancen und Risiken. ...... mehr...

3
P.G. | 20.07.2011 | 22:26

Verpflichtet uns das Grundgesetz nicht, Menschenrechte zu achten Warum geben wir dann Menschen einen Nährboden deren Lebensweise alles was wir als Werte oder als Ethik ansehen in den Dreck tritt? Warum lassen wir das zu? Warum lassen wir zu, dass aus religiösen Gründen geschächtet werden darf... es ist kein weiter Weg vom Schächten zum Schänden sorry aber jetzt muss ich hier raus, sonst übergebe ich mich auf meine Tastatur ich bin nicht Ausländerfeindlich aber ich denke, ein gewisses ...... mehr...

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