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Beleuchten den Werdegang ihrer Städte: Cornelie Holzach (Schmuckmuseum Pforzheim), Gerhart Odenwald (Unternehmer), Chris Gerbing (Moderatorin und Kuratorin der Ausstellung „Frühe Schmuck- und Bijouteriemanufakturen“), Christianne Weber-Stöber (GF Goldschmiedehaus Hanau) und Gisela Holthuis (frühere Direktorin der Städtischen Museen Schwäbisch Gmünd, von links). Foto: Frommer
Beleuchten den Werdegang ihrer Städte: Cornelie Holzach (Schmuckmuseum Pforzheim), Gerhart Odenwald (Unternehmer), Chris Gerbing (Moderatorin und Kuratorin der Ausstellung „Frühe Schmuck- und Bijouteriemanufakturen“), Christianne Weber-Stöber (GF Goldschmiedehaus Hanau) und Gisela Holthuis (frühere Direktorin der Städtischen Museen Schwäbisch Gmünd, von links). Foto: Frommer
20.03.2017

Podiumsdiskussion über die Schmuckindustrie in Pforzheim, Hanau und Schwäbisch Gmünd

Pforzheim. Hanau, Pforzheim und Schwäbisch Gmünd: drei Städte, die nicht nur die Produktion von Schmuck- und Galanteriewaren verbindet. Im Rahmen einer von Chris Gerbing in der Brötzinger St. Martinskirche moderierten Podiumsdiskussion zur „Schmuckindustrie in Deutschland“ haben Gisela Holthuis, Cornelie Holzach, Gerhart Odenwald und Christianne Weber-Stöber die vom Wandel geprägte Situation und das Gemeinsame der drei Städte aus ihren regional unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

Weber-Stöber leitet seit 2006 das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau. Ihre Stadt wurde wie Pforzheim durch Luftangriffe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Mit der Bombardierung, so Weber-Stöber, sei hier auch die Zeit der „lebendigen Diamanten-Szene“ zu Ende gegangen. Heute definiere sich Hanau als „Brüder-Grimm-Stadt“, aber nicht mehr als Schmuck- oder Silberstadt. Die Staatliche Zeichenakademie bilde zwar Goldschmiedemeister aus, weniger gut sehe es aber mit den Berufschancen der Silberschmiede aus: Hier stelle sich sogar die Frage: „Wie kann man als Silberschmied überhaupt noch überleben?“ Nur noch zwei Firmen für Silberwaren existieren gegenwärtig und seien auf Repliken aus dem 19. Jahrhundert spezialisiert. Aber: „Hanau kämpft“ und habe vor zwei Jahren das eigene Stadtbild um den großen zentralen Friedensplatz komplett neu erfunden, so Weber-Stöber: „Wir behaupten uns gegenüber Frankfurt und Offenbach.“ Frankfurts hohe Preise für Gewerbeflächen trügen auch zur Steigerung der Nachfrage in Hanau bei.

„Schwäbisch Gmünd“, berichtete Gisela Holthuis, die ehemalige Direktorin der Städtischen Museen in Schwäbisch Gmünd, sei inzwischen „angedockt an den Rest der Welt – und bekennt sich zum Einzugsbereich Stuttgarts“. Die Schmuckindustrie habe „abgespeckt“, es gebe aber noch genug Menschen, die für internationale Firmen wie Hermès oder Chanel aktiv seien. Mentalität und Eigenschaften der 60.000 Einwohner zählenden Stadt seien aber noch aus der Zeit der Schmuckproduktion geprägt: „In der Entwurfsphase ließ man automatisch die Rollläden runter – schließlich schlief die Konkurrenz nie.“

Zurück zur Manufaktur

Cornelie Holzach, Leiterin des Schmuckmuseums Pforzheim, und der ehemalige Unternehmer Gerhart Odenwald zeichneten den Weg der Pforzheimer Traditionsindustrie nach, der, so Odenwald, von industrieller Massenproduktion zurück zu Manufakturwaren geführt habe. Holzach betonte die heutige Fülle der Ausbildungsgänge für kreative Schmuckberufe in Pforzheim, der „Stadt der kurzen Wege“. Was das hiesige Stadtbild anlangt, erinnerte sie an die Hinterhofwerkstätten entlang der Kaiser-Friedrich-Straße, in der die Goldschmiedearbeit „ziemlich ungesund“ gewesen sei.

Mit einem Ausblick in die Zukunft gelang Gisela Holthuis, die inzwischen das Museum of the Bible in Washington kuratiert, das beste Schlusswort: Für die drei Städte, die zuvor in Konkurrenz gelebt hätten, gelte es jetzt, „neue Synergien anzunehmen, die Kräfte zu bündeln und frühere Geringschätzung etwa gegenüber dem Gablonzer Schmuck abzulegen“. Dann sei der gemeinsame Markt, so Holthuis, „sehr breit“.