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PZ-Schreibwettbewerb

01.07.2016

Schreibwettbewerb: Der Weg - Stell dir vor, Du bist ein Flüchtlingskind

Als die erste Bombe einschlug, war es Nacht. Es war September, ein kühler Windhauch wehte. Nebel verschleierte meine Sicht und als ich aufstehen wollte, fiel ich. Mühselig rappelte ich mich auf. Ich hatte Angst, war panisch. Überall waren lodernde Flammen zu sehen, es knisterte unerträglich laut in meinen Ohren. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass meine nackten Füße den kalten Erdboden berührten und nicht mehr den warmen Holzboden meines Zimmers.

Ich hörte Schreie, die mich zum Schaudern bringen. Ich schloss die Augen. Ich spürte, wie eine Hand nach mir giff und mich wegzerrte. Raus aus den Flammen, in Sicherheit, wie ich zu wagen hoffte. Es war die Hand meines Vaters, die mich da wegzerrte. Er schrie ich solle rennen, so schnell, wie ich könne und so lang, wie noch niemals in meinem Leben. Und ich rannte. Ich vernahm die Schatten zweier Gestalten neben mir, den meiner Mutter und den meiner Schwester.

Wir rannten so lange, bis meine Schwester beinahe umfiel. Mein Vater trug sie. Mit der Zeit wurden wir langsamer, bis wir uns einen Platz weit entfernt der Stadt suchten, an dem wir schlafen konnten. Ich schlief ein, voller Erschöpfung und Hoffnung, das hier sei alles bloß ein Traum. Doch das war erst der Anfang. Als ich aufwachte, waren meine Eltern schon wach. „Was ist los? Was ist gestern passiert?“ „Ich denke, das weißt du, mein Sohn.“, antwortete meine Mutter. „Nein“, brüllte ich. Ich sank auf die Knie und wimmerte. „Großvater hat von dem hier erzählt. Er sagte, es würde Krieg geben. Er sagte, wir sollen fliehen.“ „Das stimmt“, warf mein Vater ein, „aber deine Mutter und ich haben ihm lange Zeit nicht geglaubt. Es tut uns leid.“

Ein paar Stunden später stand der Entschluss meiner Eltern. Wir würden aus dem Land fliehen. Wir brachen auf. „Schau nicht zurück“, sagte meine Mutter weich, als wir über den ersten Berg gingen, der uns völlig von unserer Stadt trennte. „Okay murmelte ich. Dennoch blieb ich zurück und riskierte einen letzten Blick. Doch alles was ich sah waren Ruinen und Rauchschwaden. Ich schluckte. „Komm, Junge“, sagte mein Vater barsch. Doch ich sah seine schimmerten Augen, wusste, dass es ihm wie mir ging.

Nach fünf Tagen erreichten wir die Grenze. Wir bezahlten viel Geld. Genauer gesagt, all unser Geld, das wir noch hatten. Und dann wurden wir auf ein Boot geschickt. Wir hatten eine winzige Kabine, in der wir grade mal so liegen konnten. Aber, ... Naja. Vermutlich war es besser als das, was in der Stadt passierte. Meine Schwester und ich mussten uns ein Bett teilen, und so schliefen wir irgendwann in der Nacht frierend und erschöpft ein.

Am dritten Tag geschah ein Wendepunkt in meinem Leben. Als ob es hier nicht schlimm genug wäre. Es stank und ein paar Leute waren gestorben. Sie haben sie einfach ins Meer geworfen. Keiner hat um sie geweint, sie wurden einfach vergessen. Wir bekommen kein Essen, nur Trinken. Ich war sehr abgemagert, doch meiner Schwester ging es schlimmer. Sie lag nur noch da. ln unserem Bett, jeden Abend erzählte ich ihr Geschichten, doch war sie früher einmal vor Aufregung rumgesprungen, lag sie jetzt nur noch da. Tag für Tag. Es war unerträglich, sie so sterben zu sehen. Nach weiteren vier Tagen verstarb sie. Ich heulte mir die Augen aus, wollte es nicht wahrhaben sie nicht wieder sprechen zu sehen, nicht wieder ihren Atem zu spüren oder sie lachen zu hören. Und sie wurde ins Wasser geworfen. Aber wir werden sie nie vergessen. Nie.

„Ich kann nicht schlafen“ „Das können wir alle nicht.“, erklang die tränenerstickte Stimme meiner Mutter. Sie weinte um ihre Tochter. „Ich gehe ein wenig raus“, sagte sie leise und schwang sich vom Bett. „Kann ich mitkommen?“, fragte ich hoffnungsvoll. Es roch nach verwesendem Fleisch und ich wollte dem Gestank entfliehen. „Nein, du bleibst hier!“, erwiderte sie ungewöhnlich barsch. „Ich liebe dich und deinen Vater, merk dir das, ja?“, wortlos nickte ich. Ich hätte spüren müssen, dass etwas nicht stimmt. Aber ich tat es nicht. Wir werden niemals erfahren, ob sie es wollte oder ob jemand sie einfach geschubst hatte. Aber wir werden sie immer in Erinnerung behalten. So wie meine Schwester.

„Alarm! Polizei!“ die Rufe schallten durch alle Wände. „Steht auf! AHH“ Ein Schuss ertönte. Ich riss die Augen auf. „Vater“, wimmerte ich. „Es ist okay mein Sohn, sie werden uns nichts tun. Er machte die Tür auf und legte einen Arm um mich. Draußen war alles voller Männer, auch vor unserer Tür war einer. Und er schoss. Die Hand von meinem Vater glitt von meinem Rücken. Die letzte Berührung von ihm. Sein Körper krachte auf den Boden. Ich schrie nicht. Ich stand einfach nur da, bis mir die Tränen übers Gesicht liefen. Der Mann vor mir guckte mich emotionslos an. „Mitkommen“, befahl er.

Und hier bin ich nun. Ich stehe auf einer hohen Mauer. Wie und warum ich hierher kam, ist unwichtig. Ich habe alles in meinem Leben verloren. Mein Zuhause. Meine Familie. Eigentlich habe ich schon mein Leben verloren. Ich bin nur noch eine leere Hülle, sonst nichts. Ich breite meine Arme aus. Gut 30 Meter unter mir ist das Meer. Ich atme tief durch. Ich denke an meine Familie. Wie wir am Tisch sitzen, lachend. Ich gehe nun zu ihnen. Mein letzter Atemzug. Ich sehe über mir die Möwen fliegen. Ich denke an sie und breite meine Flügel aus.