
PFORZHEIM. Noch immer kommen neue Missbrauchsvorwürfe in Einrichtungen wie Heimen und Internaten ans Tageslicht. „Das ist kein Zufall“, sagt Angela Blonski, Leiterin der Beratungsstelle Lilith. Denn in solchen Anstalten seien Vertuschungsstrukturen besonders ausgeprägt. Über Jahre hätten die Opfer nichts zu sagen gewagt oder ihnen sei kein Gehör geschenkt worden.
„Je geschlossener eine Einrichtung, desto größer die Gefährdung“, sagt Blonski. Einrichtungen, ohne feste Regeln oder mit extrem autoritären undurchschaubaren Regeln böten den Tätern genügend Schutz, um auch über Jahre Kinder sexuell zu missbrauchen, ohne dabei aufzufliegen.
Vor einigen Jahren geriet der Sperlingshof im Enzkreis in die Schlagzeilen. Der Heimleiter sei wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden. „Es gab keine klare Linie und eine große Manipulation, die vom Leiter auf die Mitarbeiter und die Schützlinge ausging“, erinnert sich Blonski.
Zur Täterstrategie gehöre es, sich schwache Kinder zu suchen, um zunächst einmal Vertrauen aufzubauen. Oft verschiebe sich die Grenze des Tolerierbaren für die Opfer unmerklich. Die Androhung von Sanktionen dem Opfer gegenüber schütze den Täter oftmals vor Bestrafung. Er suche gezielt Orte, an denen er alleine sein könne mit seinem Opfer. Gerade in Einrichtungen der Kirche, so Blonski, fehle es oft an einer Sprache und Diskussionskultur über Sexualität und somit fehlten auch den Opfern die Worte, um den Missbrauch zu beschreiben. „Kinder reden in einem bestimmten Alter per se nicht gerne über Missbrauch“, erklärt Pädagogin Christina Faaß. Auch das schütze den Täter.
Blonski sieht zwei Möglichkeiten, möglichem Missbrauch entgegenzuwirken. Ganz verhindern könne man ihn jedoch nicht. Zum einen müssen klare Regeln auch für den Umgang von Erziehern und Zöglingen in solchen Einrichtungen aufgestellt werden und zudem ein Beschwerdesystem, das von außen kontrolliert und überprüft werde, damit ein Betroffener die Chance habe, sich Hilfe von außen zu holen. Dies schrecke potenzielle Täter ab. „Es muss null Toleranz bei verbalen und körperlichen Übergriffen gelten“, sagt Blonski. Es gebe einige Beispiele, wo es gut funktioniere. Zum anderen brauche man Eltern, die die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst nähmen und zur „körperlichen Selbstbestimmung“ erzögen.
Immer wieder erleben die Pädagoginnen solche Kinder in der Beratungsstelle an der Hohenzollernstraße 34. Einmal musste eine Vierjährige bei einer Familienfeier mit ihrem Onkel ins Badezimmer gehen. Er schloss ab und begann, sie zu befingern. Entrüstet habe das Kind sich der Mutter anvertraut, sagt Blonski. Die habe sich sofort an die Beratungsstelle Lilith gewandt.
„Kinder, denen schnell geholfen wird, zeigen weniger Symptome“, erklärt Kollegin Faaß. Sie fühlen sich angenommen und bestätigt in ihrem Impuls Hilfe geholt zu haben.
www.lilith-beratungsstelle. de Infos auch telefonisch unter (0 72 31) 35 34 34.
Autor: MARTINA SCHAEFER





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