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Trümmerbahn in der Weiherstraße: Andreas Grüner (Mitte) erläutert der Stadtarchiv-Leiterin Klara Deecke und Claus Kuge, Obermeister der Löblichen Singergesellschaft von 1501 Pforzheim, sein von ihm erarbeitetes Modell. Foto: Frei
Trümmerbahn in der Weiherstraße: Andreas Grüner (Mitte) erläutert der Stadtarchiv-Leiterin Klara Deecke und Claus Kuge, Obermeister der Löblichen Singergesellschaft von 1501 Pforzheim, sein von ihm erarbeitetes Modell. Foto: Frei
19.01.2016

Stein um Stein von Trümmern befreit

Ein Vortrag im Stadtarchiv über das Schutträumen nach dem 23. Februar 1945 beleuchtet auch die zwei Feldbahnstrecken von der City hinaus ins Obere Enztal.

Als Pforzheim am Abend des 23. Februar 1945 nach einem nur 20-minütigen Bombardement durch 362 Flugzeuge der Royal Air Force weitgehend in Schutt und Asche lag und über 17.000 Tote zu beklagen waren, glaubten nur wenige daran, dass wieder Leben in die Trümmerwüste einziehen würde. Doch die Überlebenden verzagten trotz der verlorenen Familienangehörigen und Freunde, trotz Hunger und Wohnungsnot nicht. Zunächst in Handarbeit, später mit Einsatz von Baggern und sogenannten „Feldbahnen“ legten sie nach und nach Straßen und Grundstücke für den Aufbau der neuen Stadt frei. Wie dies in den ersten Jahren nach dem Inferno geschah, darüber berichtete Andreas Grüner im überfüllen Vortragssaal des Stadtarchivs.

„Montagabend im Archiv“ heißt eine Reihe, die von der Löblichen Singergesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv angeboten wird. Singer-Obermeister Claus Kuge bemerkte mit Blick auf die derzeitige Flüchtlingsdiskussion, dass das „Wir schaffen das“ angesichts der verheerenden Kriegsfolgen damals eigentlich unvorstellbar gewesen sei. Doch die Devise sei gewesen: angehen, anpacken, tun, machen. Bis in die 1960er-Jahre habe es gedauert, bis Pforzheim trümmerfrei gewesen sei. „Und die Bevölkerung war stolz auf das Geleistete, das Erreichte. Niemand hatte ihr das zugetraut“, sagte Kuge.

Seit bald zehn Jahren befasst sich Andreas Grüner, als Bautechniker heute im Gebäudemanagement der Enzkreis-Verwaltung tätig, mit dem Thema „Feldbahnen“. Das sind Schmalspurbahnen, die unter anderem für den Transport von Holz, Torf, Gestein, Lehm und Sand zum Einsatz kommen. So beispielsweise in der hiesigen Gegend beim Roden des Waldes für die Hagenschießsiedlung, beim Bau der Autobahn, im Fluß- und Schwerspatwerk oder bei der Trümmerräumung. Die begann in Pforzheim zunächst mühsam von Hand.

Nachdem amerikanische Streitkräfte im Juli 1945 die französischen Besatzer abgelöst hatten, benötigte die US-Army Durchfahrtmöglichkeiten in der Stadt, da das Kämpfelbachviadukt zerstört war. Am 1. August 1945, so ist Schriftstücken im Stadtarchiv zu entnehmen, standen für die Trümmerbeseitigung in Handarbeit gerade mal 20 Schaufeln und sechs Pickel zur Verfügung. Im Oktober waren dann schon 1000 Mann mit 425 Schaufeln, 120 Pickeln, zwei Baggern und 16 Steinwalzen im Einsatz. Wer nicht mithalf, dem wurde von der Polizei mit Strafdienst und dem Entzug der Lebensmittelkarten gedroht.

Neues Baumaterial gefertigt

Aber wohin mit dem Schutt? Am 30. November wurde von mehreren Firmen die „Arbeitsgemeinschaft Trümmerbeseitigung Pforzheim“ (ATP) gegründet, danach zunächst mit dem planmäßigen Räumen der Westlichen von der damaligen Brauerei Beckh (heute Bader) bis zur Stadtmitte und von der Bleichstraße (Kollmar & Jourdan) bis zum Sedanplatz begonnen. Zwei Feldbahnen (600 Millimeter Gleisbreite) führten ins obere Enztal, das fünf Meter aufgefüllt wurde. Eine erste kleinere Aufbereitungsanlage, um aus Schutt neues Baumaterial zu erhalten, wurde im Benckiserpark errichtet. Eine große entstand auf dem Waisenhausplatz.

Ende 1948 waren rund 300 000 der geschätzten zwei bis drei Millionen Tonnen Trümmer abgefahren. Wenn Zahlungen vonseiten des Landes ausblieben, verzögerten sich die Arbeiten. Nach dem Räumen der Straßen erfolgte 1949 verstärkt das der Grundstücke in der Innenstadt. Als das Obere Enztal verfüllt war, kam der Schutt mit Lastwagen auf den Wallberg. Erst 1956 war die Stadt Pforzheim weitgehend trümmerfrei.

www.ig-modell-schmalspur.de