nach oben
15.10.2010

Willkommen am lokalen Lagerfeuer

Heimatzeitung - eigentlich ein ganz klarer Begriff. Ein bisschen angestaubt halt. In einem Rosamunde-Pilcher-Roman würde man sicher nicht anecken. Aber in Zeiten von Internet, Smartphones und fingergesteuerten Tablet-Computern? Da sprechen die Chef-Strategen der Branche lieber von “sublokalen” Inhalten oder “user generated content”. Was es damit im Detail auf sich hat, darauf soll und muss hier gar nicht näher eingegangen werden. Denn in einem Punkt ist sich die Medienszene vollkommen einig: Die Zukunft liegt im Lokalen, bei der Heimatzeitung - und so begreift sich auch die “Pforzheimer Zeitung”.

“Die Zeitung ist der Geschichtenerzähler am lokalen Lagerfeuer”, beschreibt Meinolf Ellers, Chef der dpa-infocom; das Tochterunternehmen der Deutschen Presseagentur ist spezialisiert auf multimediale Informationsdienstleistungen. Und Paul-Josef Raue, vielfach ausgezeichneter Lokaljournalist und heute Chefredakteur der “Thüringer Allgemeinen”, sagte bei der Verleihung des renommierten Lokaljournalisten-Preises der Konrad-Adenauer-Stiftung im vergangenen Jahr: “Die Zeitung ist wie ein Dorf oder wie der Marktplatz in einer Stadt, wo jeder Bescheid weiß über das Wichtigste.”

Damit hat Raue ganz nebenbei auf einen ganz zentralen Faktor im Erfolgskonzept guter Heimatzeitungen hingewiesen: Sie berichten nicht über alles, sie berichten über das Wichtigste. An dieser Stelle nun kommt die Redaktion ins Spiel. Deren zentrale Aufgabe besteht darin, aus der Flut an Informationen - und die ist selbst in einem so überschaubaren Verbreitungsgebiet wie dem der “Pforzheimer Zeitung” gewaltig - diejenigen Informationen herauszufischen, die als Nachrichten eine echte Relevanz haben. Themen eben, die man wissen muss, wenn man sich am lokalen Lagerfeuer versammelt hat. “Nachricht”, “Botschaft”, “Neuigkeit” - so lässt sich der angelsächsische Begriff “tidung” übersetzen, den Kaiser Otto IV. im 12. Jahrhundert vom englischen Königshof mit nach Deutschland brachte und aus dem später das Wort “Zeitung” wurde.

Die Redaktion der Zeitung ist es also, die bestimmt, was für ihre Leser wichtig ist. “Die klugen Zeitungen haben bei dieser Suche nach ihrer Marktlücke ihre Leser mit einbezogen”, hat Dieter Golombek, der Initiator des Konrad-Adenauer-Preises, definiert, was den Unterschied macht. Die Leser einbeziehen, dafür gibt es die unterschiedlichsten Vorgehensweisen. Die einen nutzen zum Beispiel Leserbeiräte. Die “Braunschweiger Zeitung” ist dafür sogar ausgezeichnet worden. In Tschechien setzt “Nase Adresa” auf News-Cafés - dort kommen die Leser hin und tauschen sich direkt mit den Redakteuren aus. In Österreich fordert Eugen Russ, der umtriebige Verleger der “Vorarlberger Nachrichten”, dass jeder seiner Leser mindestens einmal im Jahr in der Zeitung steht - entweder auf einem Bild oder mit seinem Namen.

Auch die “Pforzheimer Zeitung” bezieht ihre Leser mit ein. Regelmäßig führen Meinungsforschungsinstitute repräsentative Umfragen durch. Die Ergebnisse liefern der Redaktion klare Erkenntnisse darüber, was die Leser interessiert. Doch gewährt diese Vorgehensweise immer nur eine Außensicht der Dinge, Informationen aus zweiter Hand sozusagen. Deswegen hält es die Redaktion der PZ mit ihren Mitarbeitern wo immer es nur geht mit dem Slogan eines privaten Sport-Fernsehsenders: “Mittendrin statt nur dabei.” Und wird so natürlich auch zum Akteur. Die PZ-Aktionen “Menschen in Not” oder “Hand in Hand” lösen dort Probleme, wo die öffentliche Hand nicht kann oder nicht will, gleiches gilt für die Jakob-und-Rosa-Esslinger-Stiftung. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes “Rheingold” hat gerade erst ergeben, dass dieses Engagement die lokale Kompetenz und damit die Glaubwürdigkeit der “Pforzheimer Zeitung” enorm stärkt - sowohl bei Lesern als auch bei Nicht-Lesern.

Doch zurück zu den Inhalten der Heimatzeitung. “Qualität ist das beste Rezept”, so lautete der Titel des Forums Lokaljournalismus, das die Bundeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der PZ 2006 in Pforzheim veranstaltete und an dem 150 leitende Redakteure aus dem gesamten deutschsprachigen Raum teilnahmen. Qualität im Lokaljournalismus bedeutet heute nicht mehr, über Seiten hinweg eine “Fand statt”-Berichterstattung zu fahren, wie das noch vor 30 Jahren der Fall war, als man eine Lokalseite getrost mit einem 130 Zeilen langen Artikel über eine Vereinshauptversammlung aufmachen konnte. Auch wenn die Chronistenpflicht nicht weg zu diskutieren ist: Heute muss die Heimatzeitung ihren Lesern ein immer komplexer werdendes Lebensumfeld erklären, muss die wirklich wichtigen Themen selbst erkennen, ins Blatt heben und schließlich auch an der Entwicklung der Nachrichtenlage dran bleiben. Mit Sorgfalt natürlich: Die Lokalredaktion bewegt sich trotz allem in einem Umfeld lokaler Experten. Nirgendwo im Journalismus fallen Fehler so schnell auf wie im Lokalteil. “Das macht die Lokalberichterstattung zu einer spannenden Herausforderung und zu einer hervorragenden Schule des Journalismus”, lobte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler noch 2009 die Arbeit in den Redaktionsstuben der Republik. Er hätte noch den Überblick über das große Ganze ergänzen können: Die Heimatzeitung ist es schließlich auch, die dabei den Bogen spannt vom Globalen ins Lokale. Oder etwas einfacher dargestellt: Was bedeutet der Klimawandel für die Winzer im Stromberg? Oder der Ausstieg aus dem Atomausstieg für die Stromkunden in Pforzheim und dem Enzkreis?

Natürlich erwarten die Leser mit Fug und Recht auch von der Heimatzeitung, dass sie ihre Rolle als vierte Gewalt im Staat spielt. Dieser wichtigen Rolle sind sich die Redaktionen sehr wohl bewusst, sie bedeutet dennoch einen Drahtseilakt. Denn wer allzu aufdringlich den Finger in jede vermeintliche Wunde legt, der gilt schnell als Nestbeschmutzer, als passionierter Miesmacher. Ein Image, das spätestens am Markt nicht zur Heimatzeitung passen will - dort also, wo sie verkauft werden muss, denn nur davon leben die lokalen Medienhäuser nämlich, die entgegen aller anderen Einschätzungen keinerlei öffentliche Zuschüsse erhalten.

Es ist deshalb das Gebot der Stunde, neue Geschäftsfelder zu erschließen, auf denen sich mit dem Verkauf lokaler Nachrichten Geld verdienen lässt. Denn nach wie vor steht zwar außer Frage, dass es die Heimatzeitungen sind, bei denen die lokale Nachrichtenkompetenz liegt. Aber: Innovationsfreude ist jetzt gefordert - in der Vergangenheit zugegebenermaßen nicht gerade die größte Stärke lokaler Medienhäuser.

Bei allen Überlegungen spielt natürlich das Internet die erste Geige. “pz-news.de”, die Online-Plattform der “Pforzheimer Zeitung”, ist dabei in den vergangenen Jahren zu einem Paradebeispiel geworden. Hier können die Nutzer die aktuelle Nachrichtenlage schnell und aktuell mitverfolgen, hier gibt es zum einen mehr und zum anderen auch bewegte Bilder zu den wichtigen Ereignissen aus den Region, während sich die gedruckte Zeitung immer mehr zum nachhaltigen, hintergründigen, meinungsfreudigen Produkt entwickeln soll. Das wird auch noch in 20 Jahren einen unschlagbaren Vorteil haben, den das Internet mit seiner endlosen Weite kaum einholen können wird: Die gut gemachte Heimatzeitung bietet eine journalistisch gut gemachte Zusammenfassung genau derjenigen Nachrichten, die man an ihrem Erscheinungstag wissen muss. Sie gibt einem das Gefühl, zu Hause zu sein am wohlig warmen Lagerfeuer.