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Knecht Johann alias Lutz Barth begrüßt die Eröffnungsgäste bei „Herrn Käthe“, wie Luther seine entschlossene Frau, Katharina von Bora, zu nennen pflegt. Foto: Dworschak
Knecht Johann alias Lutz Barth begrüßt die Eröffnungsgäste bei „Herrn Käthe“, wie Luther seine entschlossene Frau, Katharina von Bora, zu nennen pflegt. Foto: Dworschak
19.05.2017

Zeitreise von Mensch zu Mensch: Ausstellung „Mensch Luther“ eröffnet

Pforzheim. Eigentlich sollte es ein Tag der Freude sein: Mit „Mensch Luther“ ist in Pforzheim einer der zentralen Beiträge der badischen Landeskirche zum Reformationsjubiläum gestartet. Doch die offizielle Eröffnung im Haus am Schloßberg, das seinen Namen trägt, wird von der Bluttat des vergangenen Mittwochs in der Kita nebenan überschattet. Dekanin Christiane Quincke erinnert an die „furchtbare Tragödie“, die das Leben einer Mitarbeiterin gefordert hat. Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh bittet in einem Gebet um Trost für alle „die mit dieser Tat leben müssen“.

Neben dem obersten Protestanten Badens ist auch Gerlinde Kretschmann ins Lutherhaus gekommen. Mit der Landesmutter hat eine Katholikin die Schirmherrschaft für „Mensch Luther“ übernommen – die beiden großen christlichen Kirchen feiern das Lutherjahr gemeinsam. Es sei das erste Mal, dass man dies geschafft habe, sagt Cornelius-Bundschuh. Das passt zu Kretschmanns Sicht, dass die katholische Kirche evangelischer geworden sei – und vielleicht, sagt sie verschmitzt, auch die evangelische Kirche etwas katholischer.

Unterwegs mit Knecht Johann

Von derart unverkrampftem Umgang mit unterschiedlichen Glaubenssätzen kann Luther nur träumen, wie eine Kurzversion der „Zeitreise“ mit dessen Knecht Johann alias Lutz Barth zeigt. Der Initiator der Schau gibt Einblicke in zentrale Lebensstationen des Reformators. Die Schloßkirche wird zur Bühne für Szenen vom gewitterübertönten Gelöbnis Luthers, Mönch zu werden, über den aufsehenerregenden wie sagenhaften Thesenanschlag bis hin zum Versteck auf der Wartburg.

Wer mit Johann über den Marktplatz schlendert oder plötzlich vor dem Wormser Reichstag steht, kann die Faszination Barths für die Schloßkirche nachfühlen. Die einstige Grablege der badischen Markgrafen harmoniert mit den historisch anmutenden Kulissen, die mit ihren insgesamt 90 klappbaren Elementen immer neue Geheimnisse verraten. Wechselnde Lichtstimmungen gestalten gemeinsam mit Toneinspielungen wie atmosphärischem Markttreiben oder auch den Erzählungen von Luthers Ehefrau Katharina von Bora den Rundgang, mitunter getragen von passenden Gerüchen. „Mensch Luther“ setzt stark auf sinnliche Erfahrung. Die Schau ist kein ehrfürchtiger Blick auf den großen Reformator, sondern eine Zeitreise von Mensch zu Mensch.

Entsprechend bedeutsam ist die Begegnung mit den lutherschen Zeitgenossen, die Knecht Johanns Erzählung arrangiert. Sprichwörtlich im Vorbeigehen erfährt das Publikum so von den Fragen, die zum Bruch mit Rom führen. Da ist etwa der begeisterte Bericht einer einfachen Magd über die Aussicht auf Vergebung vergangener und künftiger Sünden durch den Kauf eines Ablassbriefs. Die hörbare Angst vor dem Fegefeuer macht die Hoffnung auf Errettung nachfühlbar, die der Dominikaner Johann Tetzel zugunsten des Papstes und des Jahrhundertprojekts Petersdom in Bares ummünzt. Für Schmunzeln sorgt eine sächselnde Bedienstete auf der Wartburg, die berichtet, dass sich der „Junker Jörg“, der in elf Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt, sich für ihre Art zu reden interessiert, ihre Wörter gar aufschreibe. Er nenne das „dem Volk aufs Maul schauen“, sagt sie verwundert.

Durch diese persönliche Art zu erzählen spricht „Mensch Luther“ ein breites Publikum an, lässt Eckpfeiler der Reformationsgeschichte plastisch werden. Entsprechend wünscht Gerlinde Kretschmann dem Projekt, das laut Landeskirche insgesamt eine halbe Million Euro gekostet hat, Besucher aller Altersgruppen. Auch Landesbischof Cornelius-Bundschuh sieht hierin die Chance, das Thema allgemeinverständlich zu vermitteln. Luther, der laut Kretschmann gemeinsam mit Mitstreiter Melanchthon eine regelrechte Bildungsbewegung begründet hat, hätte sicher nichts dagegen.