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09.09.2010

Stationen eines Provokateurs: Was Thilo Sarrazin sagte und dann wieder zurücknahm

BERLIN. Thilo Sarrazin ist als exzellenter Finanzfachmann, aber vor allem als Provokateur bekannt. Mit seinen Äußerungen hat das SPD-Mitglied für viel Empörung und Kritik gesorgt. Ein Rückblick zeigt Stationen seines Lebens und seiner Provokationen.

Januar 2002: Der Diplomvolkswirt wird zum Finanzsenator Berlins gewählt. Zur „Grundmentalität“ der Berliner sagt er wenig später: „Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin.“

September 2003: „Es wird so getan, als ob wir Kinder ins Konzentrationslager schicken“, sagt er zur öffentlichen Reaktion auf höhere Gebühren für Kindertagesstätten. Nach heftiger Kritik entschuldigt er sich.

Dezember 2005: Sarrazin schlägt vor, Bremen und das Saarland als eigenständige Bundesländer aufzulösen. Sie hätten vom Bund mehrere Milliarden Euro zur Haushaltssanierung erhalten, aber beim Schuldenabbau versagt. Berlin ist ebenfalls hoch verschuldet.

Februar 2008: Sarrazin rechnet vor, wie man sich mit einem Tagessatz von 4,50 Euro gesund und ausgewogen ernähren kann. Untergewicht sei das kleinste Problem der Hartz-IV-Empfänger. Später entschuldigt er sich für den Speiseplan.

Juni 2008: „Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten gehen“, sagt er, obwohl die Sozialdemokraten einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde fordern. Später bedauert er die Äußerung.

Juli 2008: In der Debatte um steigende Energiepreise und Staatshilfen für Bedürftige sagt der Finanzsenator: „Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können.“

Mai 2009: Kurz nach seinem Amtsantritt im Vorstand der Deutschen Bundesbank erscheint ein Interview, in dem er sagt, die Politik müsse dafür sorgen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die „damit fertig werden“. Zudem sagt er: „Man muss den Leuten sagen: Glaube keinem Bankberater.“ Die Bundesbank distanziert sich.

September 2009: Ein Problem der Hauptstadt sei, „dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“ 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin lehnten den deutschen Staat ab und sorgten nicht vernünftig für die Ausbildung ihrer Kinder. Die Bundesbank legt Sarrazin indirekt den Rücktritt nahe. Die Schiedskommission der Berliner SPD lehnt einen Ausschluss Sarrazins im Dezember 2009 und im März 2010 ab.

Oktober 2009: Als Konsequenz aus den Äußerungen zur Integration von Ausländern verliert der Bundesbank-Vorstand seine Zuständigkeiten für den wichtigen Bereich Bargeld. Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht auf Volksverhetzung; im November werden die Ermittlungen eingestellt.

Juni 2010: Sarrazin äußert die Befürchtung, das schwächere Bildungsniveau vieler Zuwanderer aus der Türkei oder Afrika wirke sich negativ auf Deutschland aus. „Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer.“ Die Staatsanwaltschaft Darmstadt nimmt wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung im Juli Ermittlungen auf.

August 2010: Kurz vor der Vorstellung seines Buches „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ sorgt Sarrazin mit Äußerungen zu muslimischen Zuwanderern und dem Erbgut von Juden („alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“) für viel Empörung. Die Rufe nach seiner Ablösung werden lauter. In seinem Buch warnt er, die Deutschen könnten „Fremde im eigenen Land“ werden.

2. September 2010: Die Bundesbank beschließt, dass sie Sarrazin abberufen will. Über die Abberufung muss Bundespräsident Christian Wulff entscheiden. Er bittet die Bundesregierung am 3. September um eine Prüfung der Gründe zur Entlassung.

9. September 2010: Sarrazin kündigt an, dass er freiwillig die Bundesbank verlässt