nach oben
06.09.2011

Unvergessenes Grauen - Augenzeugen der Anschläge von 9/11

NEW YORK. Das World Trade Center in Schutt und Asche: Ein Bild, das niemand vergessen kann. Von den Augenzeugen, die die Terroranschläge von 9/11 vor Ort erlebten, haben viele das Grauen noch immer nicht abgeschüttelt.

Amy Nay fühlte sich an Hiroshima erinnert. «Die Wolke sah aus wie ein gewaltiger Atompilz», sagt sie. Ahnungslos hatte sich die junge Rundfunkreporterin am Morgen des 11. September 2001 in Midtown Manhattan auf den Weg gemacht. «Als mein Blick auf die hochaufgetürmte dichte Wolke über dem World Trade Center fiel, wollte ich meinen Augen erst nicht trauen.» Was sie in den darauffolgenden Stunden erlebte, veränderte ihr Leben «für immer», sagte Nay der Nachrichtenagentur dpa.

Allein in New York fielen fast 3000 Menschen den Terroranschlägen von 9/11 zum Opfer. Wie viele Überlebende noch heute, knapp zehn Jahre später, unter dem psychischen Trauma und den Verletzungen leiden, lässt sich nur schwer bestimmen. Nicole Parker wird den Anblick der Menschen nicht los, die sich in die Tiefe stürzten, um den Flammen in den brennenden Türmen zu entgehen. «Ich habe das bis heute nicht verarbeitet», sagt die damalige Sekretärin.

Sie war kurz vor acht Uhr mit der U-Bahn unten im World Trade Center angekommen. Von dort über die Fußgängerbrücke zum World Financial Center waren es nur ein paar Schritte. Parker hatte ihren Schreibtisch im obersten Stockwerk des Finanzzentrums und damit einen direkten Blick auf das Grauen, wie sie der dpa schilderte. «Alles passierte direkt vor meinen Augen. Es war entsetzlich, einfach unbegreiflich.»

Wie erstarrt verfolgte sie das Geschehen: Erst ein Flugzeug, dann das zweite, Feuer, Rauchsäulen, unzählige Papierblätter, die durch die Luft flatterten, Metall, Glas, schließlich die F16-Kampfflieger. «Waren das Gute oder Böse? Wollten sie uns angreifen? Wir wussten es nicht.» Als Männer und Frauen in ihrer Verzweiflung aus den 411 Meter hohen Zwillingstürmen sprangen, war für Parker Schluss. «Ich musste weg», sagt sie. Eine Fähre brachte sie in Sicherheit. Aber unter den Alpträumen leidet sie heute noch.

Nay sprach Passanten auf der Straße an. «Sie waren weiß wie Geister, von Kopf bis Fuß mit dem feinen Staub überzogen», oft auch mit Blut verschmiert. Manche brachten durch den Schock kein Wort hervor, andere konnten nicht warten, ihre Horrorerlebnisse loszuwerden. «Dann rollten die Panzer an. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, Chaos, surreal», sagt Nay.

Am tiefsten gruben sich die angsterfüllten Gesichter in das Gedächtnis der amerikanischen Journalistin. «Frauen kamen von überall her und hofften, ihre Männer in einem der Nothilfezentren zu finden. «Auch die Ärzte warteten auf Überlebende von Ground Zero. Aber niemand kam», sagt Nay. Nach dem Einsturz der 411 Meter hohen Wolkenkratzer suchten die Rettungsmannschaften noch fieberhaft nach Lebenszeichen. «Holt uns doch raus hier, wir können kaum noch atmen», war einer der letzten Hilferufe über Handy aus den Trümmerbergen.

Über Nacht machte sich das Entsetzen in Tausenden spontanen Botschaften Luft. Überall waren Häuserwände mit Suchmeldungen und Fotos von Vermissten bedeckt.

Die gebürtige Berlinerin Nina Wehner, die die Suchanzeigen täglich auf ihrem Fußweg zur Arbeit sah, fühlt sich zehn Jahre später noch von ihnen verfolgt. «Diese Bilder werden immer in meiner Erinnerung bleiben, Tausende Bilder von jungen, lächelnden Frauen und Männern», die beim Einsturz der Zwillingstürme mit in die Tiefe gerissen wurden.

Außer Augenzeugen geben YouTube-Videos und Tonbandaufnahmen im Internet erschütternde Eindrücke vom Horror des 11. September 2001. So beschreibt der History Channel in Interviewausschnitten, wie der Abstieg in den Treppenhäusern durch nasse Stufen und zerbrochenes Glas erschwert und wahrscheinlich gebremst wurde.

Aus der Aufzeichnung des Hilferufs einer Frau vom 83. Stock spricht die nackte Angst: «Es ist sehr, sehr, sehr heiß», sagt sie einer Mitarbeiterin der Notrufzentrale. Sie könne vor Rauch nichts mehr sehen und kaum noch atmen. Nicht weniger dramatisch ist der Notruf eines Mannes, der mit zwei Kollegen im 105. Stock des Nordtowers feststeckt. «Wir wollen noch nicht sterben», ruft er verzweifelt ins Telefon. Die Aufnahme endet mit dem Einsturz des Turmes und seinem Todesschrei. dpa