

MÜHLACKER. Nach vier Jahren an der Grundschule spricht jedes Kind Deutsch, weiß Sieglinde Lenz. Wie gut, das ist laut der kommissarischen Schulleiterin der Heidenwäldle-Grundschule in Mühlacker eine Frage der Förderung.
Seit zwei Jahren gibt es an der derzeit 126 Schüler zählenden Heidenwäldle-Grundschule in Mühlacker das Tandem-Projekt. Das bedeutet, dass Klassenlehrer im Deutsch- und Mathe-Unterricht von einem türkischsprachigen Lehrer unterstützt werden. Allerdings nicht, wie der Laie denken könnte, indem beide Lehrer an der Tafel stehen, der eine Deutsch spricht und der andere Türkisch übersetzt. „Wir richten es so ein, dass die türkischen Lehrer da sind, wenn die Kinder selbstständig arbeiten“, sagt die kommissarische Schulleiterin Sieglinde Lenz.
Während die Erstklässler ihre Köpfe über ein Arbeitsheft beugen, gehen die Lehrer umher und helfen dort, wo sie gebraucht werden. Türkische Worte hört man im Klassenzimmer kaum. „Ich erkläre zuerst auf Deutsch“, sagt Ihsan Demir. Nur wenn es gar nicht anders gehe, vermittle er türkischstämmigen Kindern Inhalte in ihrer Muttersprache.
Eine Erfahrung, die Sieglinde Lenz bestätigt. Oft sei es so, dass es in der Gruppe Probleme mit der Aufmerksamkeit gebe. „Wenn ich einzelnen Schülern, die sprachlich schwach sind, langsam erkläre, was sie tun sollen, klappt das. In einer Klasse mit 26 Schülern ist das aber nur bedingt zu leisten“, weiß die langjährige Grundschullehrerin. Zu zweit sei es leichter, zu differenzieren. Schüler auch einmal aufzuteilen, damit es Schnelleren nicht langweilig wird und Langsamere nicht abgehängt werden.
Von ursprünglich zwei Klassen sind es mittlerweile zwei dritte, eine zweite und eine erste Klasse, die an der Heidenwäldle-Schule jeweils vier Stunden pro Woche im Tandem unterrichtet werden. „Sprachliche Verbesserungen sind ganz klar eingetreten“, sagt Sieglinde Lenz. Denn gerade wenn Schüler einzeln oder paarweise arbeiten, könnten Lehrer besser erkennen, wann Fehler passieren. Für Demir sind Tandem-Erfolge spätestens bei den Viertklässlern an den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen messbar. „Türkische Kollegen aus Pforzheim haben festgestellt, dass sich die Empfehlungen für Realschule und Gymnasium erhöht haben“, sagt der 31-Jährige, der in Deutschland aufgewachsen ist und nach seinem Lehramtsstudium in der Türkei nun an mehreren Schulen in Mühlacker arbeitet. Tandem wird in der Senderstadt nur im Heidenwäldle unterrichtet. Ziel von Tandem sei Gleichberechtigung. „Denn Kinder, die zu Hause nur Türkisch sprechen, sind im Nachteil“, sagt Demir. An Schiller- und Uhland-Schule und den Grundschulen in Lienzingen und Lomersheim gibt Demir muttersprachlichen Unterricht für türkische Kinder. Im Heidenwäldle sind über 50 Prozent der Schüler ausländischer Herkunft. Die meisten davon türkischstämmig. Neben dem Tandem-Unterricht geben zwei türkische Lehrer pro Tandem-Klasse und Woche zwei Stunden Einzelförderung für kleine Gruppen. Je nachdem, wie sich die Leistungen der Schüler verbessern, wechselt die Zusammensetzung der Gruppe. „Wir tauschen uns regelmäßig mit den türkischen Lehrern aus“, sagt Sieglinde Lenz. Dass die Sprachförderung Früchte trägt, merkt die Lehrerin auch daran, dass sprachlich schwache türkischstämmige Kinder sich mit der Zeit trauen, im Deutschunterricht Fragen zu stellen. Unbestritten ist für Sieglinde Lenz, dass das Elternhaus in sprachlicher Hinsicht eine wichtige Rolle spielt. „Eine Erstklässlerin stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie spricht perfekt Deutsch, weil daheim sehr darauf geachtet wird“, sagt die Pädagogin.
Das Projekt Tandem läuft laut dem Erziehungsattaché (einer Auslandsvertretung zugeteilter Berater) am türkischen Generalkonsulat in Karlsruhe, Elzem Babayigit, seit dem Schuljahr 2002/2003. An fünf Schulen in Mühlacker und Pforzheim und in Karlsruhe wird seitdem in einigen Schulstunden gemeinsam unterrichtet. „Das Projekt läuft bis 2010, dann schauen wir, ob wir weitermachen“, sagt Babayigit gegenüber der „Pforzheimer Zeitung“.
Autor: nadine schmid



