


Enzkreis: Jeder Ort hat sie, aber kaum einer kennt sie mehr: Necknamen, die den Menschen einst von den Bewohnernder Nachbargemeinden verliehen wurden. Die Volontäre der PZ haben sich auf Spurensuche begeben, um zu ergründen, wie es zu den teilweise kuriosen Namen gekommen ist – und stießen dabei auf allerhand interessante Geschichten.
Ein „Seckel“ und ein „Dieldabb“ gehen gemeinsam auf Tour, um sich auf die Suche nach „Krautscheißern“, „Mondrahäglern“ und „Lubbeln“ zu begeben. Sie verstehen nur Bahnhof? Kein Problem, so ging es uns am Anfang auch, als wir uns mit den Spitznamen beschäftigten, die den Einwohnern der Enzkreis-Städte und Gemeinden anhaften. Doch nach und nach haben wir erkannt, was hinter den teils äußerst kurios anmutenden Necknamen steckt, die in vielen Orten leider nur noch die Älteren kennen und somit drohen, nach und nach in Vergessenheit zu geraten.
Verschwinden würden in diesem Fall sprachhistorische Perlen wie die bereits oben genannten „Mondrahägler“ und „Dieldabbe“ – „Mondrahägler“ bezeichnet man die Einwohner Iptingens, „Dieldabbe“ werden die Bürger Dürrns genannt. Ihren Ursprung haben die Spitznamen dabei in den allermeisten Fällen von Gegebenheiten, die tatsächlich vorgekommen sind oder zumindest der Legende nach einmal passiert sein sollen. So habe es in Iptingen einmal einen Mann gegeben, der von seinem Haus aus den Mond beobachtete. Nach einiger Zeit hätten Äste eines Baums den Blick auf den Mond teilweise verdeckt und der Mann habe gedacht, der Mond hätte sich in den Ästen verfangen. Daraufhin sei der Iptinger auf den Dorfplatz gerannt und habe seine Mitbürger aufgefordert, den Mond „herunterzuhäkeln“.
Einer, der sich von Berufs wegen mit den Spitznamen und ihrer Entstehung auskennt, ist Kreisarchivar Konstantin Huber. „In Dürrn ist es beispielsweise so, dass es gleich zwei Spitznamen gibt, die auf unterschiedliche Begebenheiten zurückgehen“, erklärt Huber. „Dieldabb“ gehe auf die einst in Dürrn angewandte Technik zurück, den Kleesamen mit Hilfe von Dielenbrettern in den Boden gesät zu haben. „Dodebritscher“ nenne man die Einwohner Dürrns, da die Toten einst ins benachbarte Kieselbronn gebracht werden mussten, weil Dürrn keinen Friedhof hatte. Auf der unebenen Strecke seien die Leichen teilweise gegen den Sarg gestoßen, was dem Fuhrmann Angst eingeflößt hätte. Dieser habe dann mit der Peitsche (Pritsche) nach hinten geschlagen und gerufen „Dod isch dod“.
Sein Wissen bezieht Huber teilweise aus eigenen Gesprächen mit älteren Einwohnern der Ortschaften, aber auch aus einem 1976 erschienenen Aufsatz der inzwischen verstorbenen Heimatforscherin Esther Schmalacker. „In den Ortschroniken findet man zu diesen Themen nichts, schließlich sind die Leute nicht unbedingt stolz auf die Schimpfnamen, die sie von ihren Nachbarn verliehen bekamen“, erklärt Huber.
Entstanden sind die meisten Spitznamen wohl im 19. Jahrhundert, einige jedoch auch wesentlich früher. „Damals war die Ortsgemeinschaft noch wesentlich stärker ausgeprägt als heutzutage“, sagt der 48-jährige Diplomarchivar. „Und daher wurden die Menschen aus den umliegenden Orten auch gerne einmal auf den Arm genommen.“
Die nebenstehende Tabelle versucht, alle bekannten Necknamen für die Bewohner der Orte in der Region aufzuführen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben wir aufgrund der undurchsichtigen Faktenlage allerdings nicht. Sollten Sie weitere Spitznamen kennen, dann schreiben Sie uns anlebenswelten@pz-news.de.
Die Orte der Region und die Necknamen der Einwohner:
Arnbach: d’ Holzwürm, d’ Kirscheschneller, d’ Schdorchedschtupfler
d’ Schdiefelschbaugser oder d’ Schdocknägel oder d’ Nägelesschdöck
Dillweißenstein: d’ Halbherre oder Gruppenschaicher oder Ratze
Ellmendingen: dia Grauße oder d’ Graußköpf oder d’ Dachstüwle
Ersingen: d’ Molige oder d’ Kreizkepf
Grunbach: d’ Kessler oder d’ Zoge
d’ Bietschenkel oder d’ Waldaposchdel
Illingen: d’ Schdrohbriggler
Kapfenhardt: d’ Ölmichel, d’ Öldommele
Knittlingen: d’ Dachtraufschwowe oder d’ Krautscheißer
Langenalb: d’ Grabbe oder d’ Eierkuche
Langenbrand: d’ Schnaiträppler
Mühlacker: d’ Hondsbeitel
Mühlhausen/Enz: d’ Mehlscheißer
Mühlhausen/Würm: d’ Bandle
Neuenbürg: d’ Pflaschderscheißer oder d’ Dussemer
Niebelsbach: d’ Bengelscheißer
Nöttingen: d’ Siebsaicher
Öschelbronn: d’ Schmerärsch
Ottenhausen: d’ Ufelöcher
Pforzheim: Seckel (keine Beleidigung) und Halbseckel (Beleidigung)
Pinache: d’ Schnecke, d’ Barrugele
Schellbronn: d’ Bietschelle oder
d’ Waldaposchdel oder d’ Hobbele oder Scherenschleifer
Schwann: d’ Schwardemageschdupfler
Singen: d’ Bäre oder d’ Bäretreiwer
Steinegg: d’ Glubber, d’ Glubberle,
Tiefenbronn: d’ Schmellehopfer oder d’ Geber
Waldrennach: d’ Horeb und d’ Krebsler
Wilferdingen: d’ Schnokeschießer
Autor: Miriam Fuchs und Maximilian Lutz







Leserkommentare (3)
Mehr KommentareDer Artikel: " VON SECKELN UND KRAUTSCHEISSERN" verwundert: bei der Recherche zu diesem Thema hätten sowohl die Volontäre der PZ als auch der Kreisarchivar, Herr Konstantin HUBER, auf das Buch: Heinz, G.: MUNDART DER PFORZHEIMER SEGGL, Pforzheim 1984, zurückgreifen können; dort wird auf den Seiten 191-205 ausführlich auf die Necknamen rund um Pforzheim und die der Enzkreis-Nachbarorte eingegangen. Es ist sonderbar, daß Herr HUBER, der sein Necknamenwissen unter anderem aus " eigenen ...... mehr...
Ja, so ist das leider "Aus den Augen, aus dem Sinn!", nur eben irritierend und deprimierend. Geht mir ähnlich! mehr...
Da gibt es auch noch die "Keibl" Wer kennt die ? mehr...