


Ein chinesisches Kinderlied ist für den Engelsbrander Jürgen Jungnickel der schnellste Weg, um mit Chinesen ins Gespräch zu kommen. Seit er in der „Pforzheimer Zeitung“ über seine bewegten Kinderjahre in Dalian in der Mandschurei berichtet hat, kommen die Gespräche auch ohne Gesang in Gang. Mit seiner Frau Barbara war Jürgen Jungnickel vom Generalkonsulat der Volksrepublik China nach Frankfurt eingeladen worden.
Die Engelsbrander haben dabei erlebt, was sie schon als Erfahrung von ihrer Reise an die Schauplätze von Jürgen Jungnickels Kindheit mitgebracht hatten: „Wer Chinesen unvoreingenommen und tolerant begegnet, kann mit großer Herzlichkeit und Offenheit rechnen“, sagen beide.
In Frankfurt sei es nicht schwer gewesen, offen auch über Probleme des riesigen Landes zu sprechen. Der stellvertretende Generalkonsul Wang Xiting habe selbst über eine Zugfahrt ins tibetanische Lhasa berichtet.
Ihre Gastgeber hätten viele Probleme selbst angesprochen. Von Millionen von Menschen, die auf dem Land noch immer in Armut lebten, über 24 Millionen Arbeitsplätze, die jährlich geschaffen werden müssten und die Bedeutung, die noch immer der Frage zukomme, wie man über 1,3 Milliarden Menschen in einem Land ernähren könne. Alleine die Zahl der Behinderten, die Hilfe vom chinesischen Staat benötigten, entspreche mit rund 80 Millionen fast der Bevölkerung Deutschlands.
Die Dimensionen vieler Entwicklungen in dem asiatischen Land beeindrucken die Engelsbrander seit ihrer eigenen Reise in diesem Jahr. „Ich verstehe jetzt, warum mein Mann ein halber Chinese ist“, sagt Barbara Jungnickel. Für ihren Mann war es eine Reise zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Als Neunjähriger verließ er 1949 unter abenteuerlichen Umständen das alte China. Er war dort aufgewachsen in der Zeit der Konflikte zwischen Maos Anhängern und der Nationalarmee von Chiang Kai-Schek, der Besetzung der Mandschurei durch japanische Truppen, der chinesischen Marionettenregierung des letzten Kaisers Pu Yi und des Siegs der russischen Armee über die Japaner. Jungnickel, dessen Vater die Vertretung einer Stahlfirma im Nordosten Chinas leitete, erlebte den Alltag als Zwiespalt zwischen Reichtum der Europäer im Stil von Kolonialherren und oft bitterer Armut der Chinesen.
Fast 60 Jahre später kam er mit seiner Frau im alten Heimatort Dalian in eine wirtschaftlich umtriebige Sechs-Millionen-Stadt – zwölf Mal größer als zur Zeit seiner Flucht. Armselige Behausungen würden immer mehr verschwinden, berichtet das Ehepaar, der Wohlstand zunehmen. „Die Fortschritte sind unvorstellbar“, sagt Jungnickel, der ohnehin voller Bewunderung für die Lebenseinstellung vieler Chinesen ist: „Die geben nie auf“, sagt er.
Das gelte auch für den Umweltschutz, meint Jungnickel. Vor den Olympischen Spielen ist Smog in Chinas Städten Dauerthema. „Ich hatte aus dem früheren Dalian viel blauen Himmel in Erinnerung“, sagt Jürgen Jungnickel, „dieses Mal war da ständig eine Dunstglocke.“ Aber man scheine dagegen anzugehen. „Tagsüber sah man in der Stadt keine Lastwagen“, sagt Barbara Jungnickel. Laster durften nur nachts in die Stadt fahren.
Wang Xiting blätterte in Frankfurt gleich in Jürgen Jungnickels Buch „Im Bambuskäfig“, in dem er seine Kindheitserlebnisse erzählt. Liebe zu China spricht daraus. Befremdet waren die Engelsbrander höchstens von heutigen Anzeichen einer Verwestlichung. Auf der Suche nach T-Shirst mit Drachenmotiv als Reisemitbringsel, erzählen Barbara und Jürgen Jungnickel, mussten sie erfahren, dass es in China einfacher ist, Trikots des FC Bayern München zu finden. Alexander Heilemann
Jürgen Jungnickels Buch „Im Bambuskäfig“ ist erschienen im Biographiezentrum und ist unter ISBN 978-3-940210-29-6 erhältlich.



