nach oben
Zuhause statt in der Wirtschaft trinkt Helmut Kaufmann heute sein Bier. Stammtische sieht er als wichtiger Faktor zum Zusammenleben einer Gemeinschaft.Fotos: Ketterl, Screenshots Walter
Zuhause statt in der Wirtschaft trinkt Helmut Kaufmann heute sein Bier. Stammtische sieht er als wichtiger Faktor zum Zusammenleben einer Gemeinschaft.Fotos: Ketterl, Screenshots Walter
Über Snapchat haben Becky aus Kleinglattbach (von ihr stammt das linke Foto) und Iris Sommer aus Pforzheim verraten, dass sie den Sonntag gerne im Bett verbringen.
Über Snapchat haben Becky aus Kleinglattbach (von ihr stammt das linke Foto) und Iris Sommer aus Pforzheim verraten, dass sie den Sonntag gerne im Bett verbringen.
Damit andere einen schönen Sonntag haben, muss Lisa Dengler arbeiten.
Damit andere einen schönen Sonntag haben, muss Lisa Dengler arbeiten.
21.04.2017

Die sonntäglichen Gewohnheiten haben sich gravierend verändert

Enzkreis. Erst die Lindenstraße, dann der Tatort: Das Programm zum Wochenausklang ist für Millionen Deutsche seit Jahrzehnten das Gleiche. Verändert hat sich aber der Sonntagvormittag – und zwar grundlegend: Kirchgang und Frühschoppen sind auch im Enzkreis von einer Selbstverständlichkeit zur Ausnahme geworden. Gab es vor 15 Jahren deutschlandweit noch 190 760 Unternehmen im Gaststättengewerbe, waren es 2015 nur noch 163 418.

Die durchschnittliche Anzahl der katholischen Gottesdienstbesucher sank in der gleichen Zeit nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz von rund 4 auf 2,5 Millionen – das sind nur noch gut zehn Prozent aller Katholiken. Bei Protestanten liegt dieser Wert laut Zahlen der Evangelischen Kirche in Deutschland nur noch bei 3,7 Prozent. 1990 gingen gar noch 6,2, 1970 10,2 Millionen Katholiken regelmäßig ins Gotteshaus.

Wie hat sich der Sonntag bei den Menschen in der Region verändert? Und: Warum? Das hat die PZ ihre Leser gefragt: zum einen über die Zeitung und PZ-news.de, wo vor allem Bürger ab 30 Jahren erreicht werden. Zum anderen über den Snapchat-Kanal „pznews“, dem Hunderte Jugendliche folgen. Auf diesem Weg antworte die 17-jährige Laura aus Pforzheim: Erst gemeinsam frühstücken, dann in dir Kirche und anschließend putzen – so habe früher der Sonntag in ihrer Familie ausgesehen. „Wenn das erledigt war, konnte man dann faulenzen.“ Heute sei dies anders: „Meine Eltern stehen früh auf, aber ich schlafe immer aus.“ Die Faulheit, räumt sie ein, habe gesiegt.

Doch für viele Jugendliche, so berichtet es etwa ein 16-Jähriger aus Wilferdingen, hat das gemeinsame Frühstück mit der Familie eine große Bedeutung. Und Nicola König aus Birkenfeld schrieb am vergangenen Sonntag über Snapchat: „Wir haben heute erstmal schön lange ausgeschlafen und jetzt werden wir gemeinsam Frühstücken und das (gebackene) Osterlamm schlachten.“ Weil dem Nachwuchs zudem das Ausschlafen wichtig ist, zieht sich das Frühstück vieler Umfrageteilnehmer bis mittags – Kirche und der anschließende Umtrunk sind zu der Zeit längst vorbei.

Ein gebürtiger Kölner, langjähriger Teninger (Kreis Emmendingen) und heutiger Pforzheimer plädiert dafür, dieses „Frühschoppen nicht aufs Biertrinken zu reduzieren“: Helmut Kaufmann. Und er erklärt auch, warum: „Dieser Brauch und die Stammtische waren ein wichtiger Faktor zum Zusammenleben einer Gemeinschaft. Besonders auf dem Lande.“ Doch der Gemeinschaftssinn, klagt der 83-Jährige, habe abgenommen: Er beobachte vermehrt kleine Grüppchen statt großer Runden, diskutiert würde eher über Klatsch und Tratsch statt über Politik. Dabei habe das Frühschoppen auch eine kittende Funktion für die Gesellschaft gehabt: „Dort trafen sich Menschen vom Arbeiter bis zum Unternehmer.“