

Er erlebte das Krakauer Juden-Getto und überlebte fünf deutsche Konzentrationslager: Davon berichtete der 82-jährige Mieciu Langer jetzt im Gymnasium in Remchingen.
Die Judenverfolgung im Dritten Reich war in den vergangenen Monaten im Unterricht der Klassenstufe 10. Doch in der Aula lauschten nicht nur zahlreiche Schüler sondern auch Eltern gebannt den eindrücklichen Berichten. „Ich habe nach dem Krieg versucht, die Erlebnisse im Gedächtnis auszulöschen“, blickte Langer zurück. Erst 42 Jahre nach Kriegsende konnte seine Frau ihn überreden, seine Erlebnisse zu erzählen, über die sie ein Buch geschrieben hat.
Langer war bei Kriegsausbruch zwölf Jahre alt. Seine jüdische Familie musste ihre Wohnung in Krakau verlassen und kam mehrfach in andere Gettos. Er berichtete von seiner Gefangenschaft in den KZ-Lagern Plaszow, Czestochowa, Buchenwald, Rehmsdorf und Theresienstadt, von menschenunwürdigen Behausungen und Deportationen, eingepfercht in Viehwaggons oder offenen Kohlenwagen. Er erzählte von den schrecklichen Qualen und Misshandlungen, von ständiger Todesangst, von Hunger, Demütigungen und Erschießungen.
Mit starrer Mine erzählte er von seinem Schulkameraden, der während der Arbeit ein russisches Lied gepfiffen hatte. Dafür sollte er erhängt werden. „Er weinte und bat um Gnade. ,Ich bin noch jung, ich will leben, ich habe nicht gewusst, dass ich etwas Schlechtes tue, ich bitte um Verzeihung, ich will leben.‘ Die Antwort des SS-Kommandanten: ,Aufhängen‘. So wurde mein Schulkamerad gehängt, aber der Strick riss und er stürzte zu Boden. Er stand auf, weinte und bat erneut um Gnade. Daraufhin der SS-Kommandant zum Henker: ,Wenn Du ihn jetzt nicht richtig aufhängst, werde ich Dich persönlich aufhängen.‘ So starb mein Schulkamerad.“
Aber er hatte auch den jugendlichen Optimismus, dass er überleben werde. Als 18-Jähriger wurde er im Mai 1945 von den Truppen der Roten Armee befreit. Er wog 38 Kilo, hatte Typhus und war dem Tode nahe. In einem Internat für Waisenkinder erholte er sich und lernte dort die Liebe seines Lebens kennen, die er geheiratet hat.
Mit seiner Frau Felicia, die als Menschenrechtlerin international bekannt ist und 1990 mit dem alternativen Nobelpreis und in diesen Tagen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, lebt er seit 1990 glücklich in Tübingen.
„War es für sie eine Überwindung, nach Deutschland zu übersiedeln?“, wollte ein Schüler wissen. „Man muss in Versöhnung leben. Man kann ein Volk nicht dafür verantwortlich machen, was die Väter getan haben.“ Langer hat in Deutschland Freunde gefunden. Dennoch ist er nicht kritiklos am deutschen Staat. Seiner Meinung nach werde viel Geld für nutzlose Säulen in Berlin ausgegeben statt für die Bekämpfung der Neonazis. Waltraud Günther
Felicia Langer, „Miecius später Bericht“, Eine Jugend zwischen Getto und Theresienstadt,



