

ENZKREIS/PFORZHEIM. Die Gegend um Königsbach ist kein Land für Cowboys, die schnell mal entlaufene Rinder einfangen. Eine ganze Woche lang hielten 16 ausgebüxte Tiere eine Heerschar von rund 150 Personen auf Trab. Vier von ihnen fanden durch die Flucht den Tod.
Landwirt Josef-Martin Wernert atmete auf: Von den 16 Jungrindern, die vor einer Woche von seinem Hof in Königsbach ausgerissen waren, stehen 12 wieder im Stall. Jäger mussten vier Tiere erschießen, die so nahe an Zuggleise oder Straßen kamen, dass sie zu einem unkalkulierbaren Risiko wurden. Wernert, seine beiden Brüder Georg und Philipp, mit denen er den Hof führt, sowie die Familien haben acht Tage lang nur wenig geschlafen. Rund um die Uhr suchten sie mit anderen Landwirten und zahlreichen Helfern nach den Rindern, die kilometerweit liefen und wie vom Erdboden verschwunden waren.
„Auf so einen Fall war niemand vorbereitet“, sagt Wernert. Landwirte, Veterinäre, Förster, Polizisten, Jäger und Helfer, „gut und gerne 150 Personen“, schätzt der 32-jährige Rinderhalter, waren im Dauereinsatz: „Es sind so viele, bei denen ich mich bedanken muss.“
Da ist Förster Carsten Schwarz vom Wildpark Pforzheim, der Tag und Nacht abrufbereit war, sein Betäubungsgewehr einpackte und sich anschlich, wenn ein Tier entdeckt worden war. Kurzfristig hatten die Veterinärämter von Pforzheim und des Enzkreises die Einsätze genehmigt. Innerhalb von Stunden erhielt Wernert von den Behörden auch die Erlaubnis, die getöteten vier Tiere zu schlachten. „Metzger in Königsbach haben uns Kühlräume zur Verfügung gestellt“, so der Landwirt.
„Was aber wäre gewesen, wenn es mehr tote Tiere gewesen wären?“, fragt er. „Im Pforzheimer Schlachthof gibt es für uns Landwirte keinen Raum mehr, den hätten wir aber dringend gebraucht“, sagt er. „Was passiert denn, wenn es auf der Autobahn bei einem Unfall mit einem Tiertransporter um 60 oder 80 Tiere geht?“, fragt sich der Landwirt aus Königsbach nach den Erfahrungen mit seinen ausgerissenen Rindern. „Auf so einen Unglücksfall auf der Autobahn sollten die Behörden vorbereitet sein“, sagt Wernert.
Die Suche nach der ausgebüxten Rinderherde war jedenfalls für viele Neuland. Einmal stapfte ein Rind zwei Kilometer lang vor einem Spaziergänger, der jedoch sein Handy nicht mitgenommen hatte. Einer meldete sich unter der Notrufnummer 110 bei der Polizei und gab den Tipp, einen echten Cowboy anzuheuern. Das Waldgebiet bei Königsbach und die unübersichtlichen Felder sind indes kein Land für einen Rinderhüter aus den USA.
Autor: PZ-REDAKTEUR RALF STEINERT



