

Keltern-Ellmendingen. Hubert Augenstein (78) aus Ellmendingen radelte nach Barcelona: Die 1577 Kilometer lange Strecke diente als Vorbereitung für Tour de Ländle.
Sein Radler-Shirt leuchtet in einem stechenden Rot und beißendem Gelb. Und der Schriftzug „Großherzogtum Baden“ sagt viel über die Gemütslage von Hubert Augenstein. Auf weite Sicht hätten ihn einige Tour-Gäste am Fahrbahnrand auch schon mal mit einem Spanier verwechselt, bis ihnen klar geworden sei: Hier saust jemand vorbei, der die Fahne von Baden hochhält.
Augenstein ist Radfahrer aus Passion. Ein guter Teil seines Lebens verbindet sich mit diesem Hobby, das bei ihm weit über eine normale Freizeitbeschäftigung hinaus geht. Wer so viel durch Europa gefahren ist, wie der Ellmendinger, ist dem Himmel bisweilen sehr nah. Nicht nur, weil er die höchsten Alpenpässe passiert, sondern – den Kapriolen des Wetters ausgesetzt – auch seine Kräfte bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit ausreizt.
Da im Leben allerdings auch alles eine Frage des Alters ist, weiß Augenstein, dass man sich als 78-Jähriger genau überlegen muss, was man sich noch zutrauen darf. Wann also die Grenzen der Leidenschaft erreicht sind. „Wenn Du die Schlaglöcher nicht mehr rechtzeitig erkennst, wird’s gefährlich“, sinniert der braun gebrannte Pedalen-Recke. Exkursionen durch halb Europa – die wird es künftig für ihn so nicht mehr geben. Die Wege des Ellmendingers werden nun also nicht mehr über den Col de l’Isèran oder den Col du Galibier führen. Über Pfingsten war der Rentner 16 Tage unterwegs. Für die Strecke von Ellmendingen nach Barcelona legte er 1577 Kilometer zurück. Alleine und ohne fremde Hilfe. Zurück ist er dann in zwei Tagen mit dem Zug gefahren. Der Rentner weiß also, was er konditionell packt und wann er lieber die Beine hochlegt.
Als „letzte große Tour“ charakterisiert Augenstein seine Fahrt nach Spanien. Gleichzeitig sei sie eine erstklassige Vorbereitung gewesen für das, was nun am Wochenende folgt: Einmal mehr beteiligt sich Augenstein an der Tour de Ländle, die am morgigen Samstag in Tauberbischofsheim startet und zum Europa-Park nach Rust führt. Ganz besonders freut sich der 78-Jägrige auf die dritte Etappe der sogenannten Jubiläumstour zum 60. Geburtstag von Baden-Württemberg.
Mit Geschichte kennt sich Augenstein übrigens mindestens so gut aus, wie mit dem Radfahren. Kirchenbücher und andere Quellen nutzt der fleißige Freizeitforscher, um historische Ereignisse und verwandtschaftliche Bezüge in einen beziehungsreichen Zusammenhang zu setzen.
Ein Beispiel für dieses Denken ist die Tour de Ländle. Die sei Ende der 80er-Jahre mal durch Keltern-Weiler und Straubenhardt-Ottenhausen gekommen. Schade, dass seinerzeit nicht publik gewesen sei, dass in Rudmersbach (heute Ottenhausen) und Weiler der Urgroßvater des späteren Erfinders des Zweirads, Karl Friedrich Freiherr Drais von Sauerbronn, eine zeitlang gewohnt habe. Auch in diesem Jahr führt die Tour de Ländle wieder durch Keltern und zwar durch Ellmendingen. Da ist es dem 78-Jährigen schon aus lokalpatriotischer Neigung wichtig, die Strecke in Bestform zu absolvieren. Augenstein hält die dritte Etappe zwischen Bruchsal und Nagold am Montag, 30. Juli, für die anspruchsvollste Strecke der Tour. Tatsächlich weisen die Organisatoren vom SWR sie als „schwer“ aus. Das liegt unter anderem daran, dass auf der offiziell 94 Kilometer langen Strecke – Augenstein spricht von 95 – die Steigungsstrecke zwischen Neuenbürg und Waldrennach angesiedelt ist. Der Ellmendinger charakterisiert den dritten Abschnitt der Tour de Ländle denn auch gerne als Königsetappe.
Gleichwohl wird klar, dass der 78-Jährige die Tour de Ländle eher als flotte Freizeitbeschäftigung sieht, denn als wirklich fordernden Kraftakt. Kein Wunder: Augenstein ist mit der Tour de France groß geworden und ist vom Virus der radsportbegeisterten, französischen Nachbarn befallen: Und zwar schon zu einer Zeit, als diese Passion hierzulande eher wenige Freunde hatte.
Augenstein erinnert sich an Dutzende von großen Fahrten bis in die 60er-Jahre zurück. Anfang der 80er ging‘s sogar in zwei Touren bis nach Gibraltar und Istanbul. Doch es zählen nicht nur die Entfernungskilometer. Für ihn persönlich besonders bedeutsam sei seine erste Fahrt 1966 nonstop in 30 Stunden und 20 Minuten nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris gewesen. Da seien ihm die Herzen der Franzosen zugeflogen, als sie erfuhren, dass es Deutsche gibt, die die große französische Leidenschaft bedingungslos mit ihnen teilen.
Autor: Peter Marx







Leserkommentare (1)
Mehr KommentareDas finde ich toll. Gratulation Herr Augenstein. Auf jeden Fall besser wie wenn man, auch schon in der PZ berichtet, mit einem stinkenden Traktor, luftverpestend, nach Italien, oder sonstwo in den Urlaub fährt, als Frührentner, und dann auch noch viel jünger, und dafür auch noch einen Jubel-Bericht in der PZ bekommt. Der Ausgleich der Berichterstattung ist nun da; aber 1:0 für Herrn Augenstein. Und auch Gratulation an die Redaktion. mehr...