



ENGELSBRAND/DALIAN-CHINA. Der Engelsbrander Jürgen Jungnickel wurde 1940 im chinesischen Dalian geboren und besuchte seinen Geburtsort nach fast 60 Jahren zum ersten Mal. Anlaß für seine Reise waren Recherchen zu seiner Biografie in den Jahren seines Aufenthaltes in Dalian in der Mandschurei. In einem Bericht für die PZ hat Jungnickel Erlebnisse, Erfahrungen und persönlichen Einschätzungen zusammengefasst.
Ein Buch von Jürgen Jungnickel erscheint Ende Juli 2008 unter dem Titel „Im Bambuskäfig“, Verlag des Biographiezentrums, ISBN 978-3-940210-29-6.
Mit dem bekannten Gerumpel setzt die Boeing der Air China auf. Die Turbinen heulen kurz auf, als wollten sie ihrer Freude Ausdruck verleihen, den Flug von Beijing hierher nach Dalian so gut durchgeführt zu haben. Die Maschine rollt mit leisem Summen zum Terminal. Man hört die Gurte klicken. Für mich ist es ein bewegendes Erlebnis, noch einmal in die Stadt zu kommen, in der ich 1940 geboren wurde. Nach fast 58 Jahren betrete ich wieder – dieses Mal mit meiner Frau – den Boden der chinesischen Mandschurei. Hier, in der Provinz Liaoning, war ich seit dem Spätjahr 1949, als die chinesische Revolution beendet war, nicht mehr. Dalian hatte damals etwa 500 000 Einwohner.
„Es gibt in China 160 Millionenstädte. Die größte davon, Chongqing, hat mit allen Stadtbezirken zusammen 33 Millionen Einwohner“, erklärte unsere Reisebegleiterin in Beijing. „Sie wollen weiter nach Dalian? Unser Reisebüro hatte dorthin noch nie Touristen! Das ist eine kleine Stadt in der Provinz mit nur 6 Millionen Einwohnern.“ So kam es, dass ich ihr die Geschichte meiner Kindheit schilderte:
Mein Eltern lebten mit meiner Schwester in Japan, als mein Vater 1939 die Vertretung einer Stahlfirma für die Mandschurei im Nordosten Chinas übernahm. Japanisches Militär hatte das Land besetzt und seit einigen Jahren bereits eine Marionettenregierung unter dem letzten Mandschukaiser Chinas, Pu Yi, errichtet. Während der Überfahrt brach der Krieg in Europa aus. Aus Deutschland kam Anweisung, in Dalian zu bleiben. 1940 kam ich hier zur Welt.
Außer dem Koch wurden eine chinesische Ammah eingestellt und eine russische Erzieherin, die mit den Truppen des letzten Zaren hierher geflohen war. Bald sprach ich besser russisch als deutsch. Wir zogen nach Kakakashi, einem nahegelegenen Fischerort. Nachts heulten in den nahen Bergen die Wölfe. Vom Ufer her hörte man die Brandung rauschen. Mit vielen Bediensteten lebten wir nur wenige Steinwürfe entfernt von den oft unter ärmlichsten Bedingungen hausenden chinesischen Fischern. In China bekämpften sich zu dieser Zeit Nationalarmee und Kommunisten. Sie hatten sich zu einer Notgemeinschaft gegen die japanischen Invasoren zusammengeschlossen, doch durch die Rivalitäten wurde der gemeinsame Widerstand nahezu paralysiert.
Nach dem Atombombenabwurf der Amerikaner über Japan überfielen die Sowjetrussen die Mandschurei und besiegten die japanische Kwangtungarmee. Zuerst mussten wir uns vor den Banden willkürlich entlassener Sträflinge verstecken, dann tauchten sowjetische Soldaten auf. Innerhalb von 15 Minuten wurden wir vom Thron der „weißen Götter“ gestürzt, hinunter in die Niederungen von Demütigung und Ohnmacht der Gefangenschaft. Erst im Spätjahr 1949 gelang uns unter dramatischen Umständen die Überfahrt nach Japan – während eines Taifuns – eingenagelt im Laderaum eines Frachtkahns. Mit 10 Jahren kam ich in Deutschland in die Schule. Jetzt war ich wieder hier. Würde ich mein Geburtshaus und unser Haus am Meer noch finden? Das Gebäude, in dem wir zuletzt interniert waren oder den Park, in dem ich mich mit russischen Soldatenkindern prügelte?
Das Reisebüro hatte geraten, politische Themen nicht anzusprechen, doch nichts interessiert Chinesen mehr! Wie sollte ich mit ihnen ins Gespräch kommen? Meine Schwester und ich hatten einst zum Entsetzen unserer Eltern mit den jungen Revolutionären Chinas das bekannte Lied gesungen: „Mei you gong chan dang jiu mei you zhong guo – ohne kommunistische Partei kein neues China…“. Wenn ich jetzt die Zurückhaltung brechen wollte, sang ich dieses Lied. Und plötzlich konnte ich mit ihnen über alles reden. Warum diskutieren Chinesen nicht mit Ausländern über Politik? Wegen der Vorurteile, die wir im Westen in unerträglicher Weise vor uns her tragen!
Da ist zum Beispiel die „Ein-Kind-Politik“. Diese Regelung betrifft nur die größte Volksgruppe, Han-Chinesen, aber nur dann, wenn diese in der Stadt leben. Wir glaubten es zunächst nicht. Doch alle weiteren Erkundigungen brachten das selbe Ergebnis. Tatsächlich hatten wir uns schon gewundert, dass unser chinesisches Patenkind in der Provinz trotz dieser „Ein-Kind-Politik“ noch einen Bruder hat.
1949 hatte China 500 Millionen Einwohner, heute sind es 1,3 Milliarden. Wie soll man eine so schnell explodierende Bevölkerung ernähren, wie der sich schnell erweiternden Städte Herr werden – ohne Restriktionen? Ja, wissen denn die Chinesen nicht, welche Untaten Mao begangen hat? Doch! Aber Mao war die treibende Figur für eine Einigung, für Chinas Weg aus der Demütigung durch die ehemaligen Kolonialmächte. Wir hatten es ja vor 1949 selbst erlebt! Heute sind die Chinesen stolz auf ihr Land. Die Kinder lernen in der Schule Geschichte, wissen vom Opiumkrieg und den „ungleichen Verträgen“. Zu Recht bewundern wir die Errungenschaften der französischen Revolution, obwohl dabei viele Köpfe von der Guillotine in den Staub rollten. Wer fragte dabei nach individuellem Recht oder Unrecht? Warum lässt man der chinesischen Revolution nicht die gleiche Bewunderung zukommen? Auch hier wurde einer willkürlich herrschenden Oberschicht durch die Befreiung der Massen die Lebensgrundlage entzogen.
Wo man noch vor wenigen Jahren die engen Gässchen der verschmutzten Wohnviertel Dalians fand, ragen heute gewaltige Bauten empor, Kaufhäuser, sieben Stockwerke hoch und drei Stockwerke unter der Erde. Provinz? Überall wird per Handy telefoniert. Die Verbindung ist besser als in vielen Teilen Deutschlands. Geschäfte mit den Nobelmarken der internationalen Modewelt reihen sich aneinander. Auf den Straßen fahren japanische und deutsche Autos der gehobenen Mittelklasse. Beim Versuch, Bettler oder arme Leute vor die Linse zu bekommen, wäre ich in jeder europäischen Großstadt schneller fündig geworden. Alle sind jung, modern, geschäftig. Wo ist bloß das alte China geblieben, das ich kannte? Mopeds sausen an uns vorbei, ohne Krach, ohne Gestank, mit elektrischem Antrieb. Hier sind sie uns Deutschen im Umweltschutz bereits voraus.
Die Chinesen hungern oder essen Hunde? Unsere Begleiterin verzieht angewidert das Gesicht, als wir sie danach fragten. „Sie wollen Hunde essen?“ „Nein, wir wollen bloß wissen...“ „So etwas habe ich noch nie gesehen, vielleicht in einem koreanischen Lokal.“ Hungern muss hier niemand. Drei Mal am Tag wird warm gegessen. Wir sehen es in den zahlreichen Garküchen an den Straßenrändern. Das Angebot ist reichlich. Da wird nachts auf einem großen Platz Wiener Walzer getanzt – sehr elegant, von Chinesen in Turnschuhen.
In der Woche unserer Ankunft erlebte China das fürchterliche Erdbeben. Das chinesische Fernsehen berichtet laufend darüber, auch der amerikanische Sender CNN, japanisches und koreanisches Fernsehen, alles selbst in der Provinz gut zu empfangen. Schulkinder haben Herzen als Symbol der Solidarität gehäkelt und verkaufen diese. Meine Frau kauft ein paar Herzchen, da haben weitere Mädchen uns zwei „da bietze“ (Langnasen) entdeckt und kommen in immer größeren Mengen angerannt. „Woa-men bu yao – wir brauchen nichts mehr!“ Vorne sammeln Studenten. Sie fragen nicht, sie bitten nicht, sie gucken uns bloß an. Meine Frau zieht einen Euroschein aus dem Geldbeutel: „Tschegge hao ma? – Ist das o.k.?“ „Hao, hao, ßiä-ßiä– natürlich, vielen Dank!“ explodiert die Gruppe förmlich und behängt uns aus Dankbarkeit mit Papierherzen.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit wird für die Erdbebenopfer gesorgt. Über den Bergregionen springen 5000 Fallschirmjäger ab, um den Menschen zu helfen. Während noch Verschüttete geborgen werden, gießen Bauarbeiter bereits frische Fundamente – nicht für ein paar Wohnungen, sondern für Millionen! Ich denke an wesentlich kleinere Katastrophen und deren Bewältigung in anderen Staaten.
Am nächsten Tag erscheint unser Fahrer pünktlich. Wir fahren durch einen scheinbar chaotischen Verkehr. Und plötzlich stehe ich vor meinem Geburtshaus. „Das wird in den nächsten Monaten abgerissen“, höre ich.
Nach 58 Jahren komme ich gerade noch rechtzeitig, um ein paar Bilder von dem Gebäude zu knipsen. Mit einem alten Foto in der Hand laufen wir die Straße hoch. Dort – ein goldgelber Palast, frisch renoviert, mit chinesischer Fahne auf dem Dach und der roten Aufschrift „Versailles Club“. Das war eindeutig unser letzter Wohnort.
Am Rand eines Brunnens sitzt ein alter Mann. Wir kommen ins Gespräch. Er hat sein ganzes Leben in dieser Gegend verbracht. „Da war doch früher mal eine Polizeistation?“ „Ja, ganz früher mal“, bestätigt er. Ich will noch den Park sehen, in dem ich von den Kindern russischer Soldaten oft Prügel bezogen habe. Ich finde ihn: „Laodong Park“. Aber er ist nicht mehr zu erkennen. Der japanische Tempel wurde abgerissen, die alte Krupp-Haubitze aus dem russisch-japanischen Krieg, an der wir gespielt hatten, ist verschwunden. Wenige Uniformierte achten darauf, dass die Besucher nicht auf den Boden spucken oder Abfall wegwerfen. Es mag dem Betrachter das Urteil darüber überlassen sein, ob es besser ist, Menschen in eine Uniform zu stecken und sie über die Einhaltung der Ordnung wachen zu lassen, oder ob man das Wegwerfen von Müll zulässt und Leute einstellt, die den Dreck dann beseitigen müssen.
Wir fahren in Richtung Kakakashi, an den Ort, wo unser Leben in kolonialem Überfluss einst sein Ende fand. Wo die Bahnlinie von Dalian in Richtung Lüshun an das Meer kommt, muss es sein. Entlang des Strandes zieht sich heute eine Autobahn. Ich erkenne die Steilküste, in deren Schutz unsere Familie sich im August 1945 vor Räuberbanden versteckt hatte. Von dort aus konnten wir deren Spur anhand der brennenden Dörfer verfolgen. Mit älteren Leuten versuche ich, ins Gespräch zu kommen, doch mein Chinesisch ist nicht mehr ausreichend. Deshalb schreibt man mir in chinesischen Zeichen auf, was gemeint ist. In China werden verschiedene Dialekte gesprochen, aber es gibt nur eine Schriftsprache, die alle verstehen. Es übersteigt das Vorstellungsvermögen der Leute, dass meine Bildung nicht so weit reicht, wenigstens die zum Lesen einer Zeitung benötigten 3000 Schriftzeichen entziffern zu können.
Dann entdecke ich ein Gebäude in chinesischem Stil. Das Flachdach wurde durch ein Ziegeldach ersetzt, mit geschwungenem Dachfirst. Unser ehemaliges Haus ist nicht mehr wiederzuerkennen. Die neue Autostraße läuft direkt dahinter. Hier heulten damals noch die Wölfe! Die Fischerboote schaukeln auf den Wellen, genau wie vor 60 Jahren.
Nichts Negatives? Oh doch! Die Umweltverschmutzung in den Außenbezirken. Das Problem ist längst erkannt. Sie werden es lösen! Die westlichen Industrienationen haben 200 Jahre Zeit gehabt, den Stand von heute bei gehöriger Naturverschmutzung zu erreichen. Von China erwarten wir, dass aus einer mittelalterlichen Struktur innerhalb von wenigen Jahren eine moderne Industrienation entsteht, die eine explodierende Bevölkerung ernährt, einen unbeschränkten Kinderzuwachs in Kauf nimmt, aber das natürlich ohne die im Westen lange Zeit hingenommene Umweltverschmutzung. Dann der alte Brauch, dass bei einer Einladung zum Essen zuviel bestellt wird und die großzügig liegen gelassenen Reste weggeworfen werden. Auch die großen Autos, die zu viel Ressourcen an Material und Treibstoff verschlingen und einfach als Statussymbol gelten wie bei uns noch vor kurzer Zeit. Nicht gefallen hat uns auch die rasante Verwestlichung.
Und die oft von uns bemängelte Freiheit? Die Kolonialmächte haben seinerzeit alles getan, um das Reich der Mitte in einem mittelalterlichen Zustand zu halten. Wenn wir ihr Verhalten im damaligen China als Maßstab nehmen, ist den Chinesen aus dieser Lage heraus innerhalb von wenigen Jahrzehnten ein großer Schritt in Richtung Liberalismus gelungen. Obwohl wir keine Probleme hatten, unsere Ansichten überall frei zu äußern, bestehen unterschiedliche Vorstellungen vom Recht auf freien Meinungsaustausch. Lassen wir ihnen noch etwas Zeit! Sie haben es wirklich verdient und werden es schaffen!
Mit englischen Sprachkenntnissen kommt man in der Hauptstadt gut durch. In der Provinz muss man entweder mit Händen und Füßen reden, die 3000 Schriftzeichen beherrschen oder eben „me you gong chan dang“ singen können. Sollen wir zu einer Reise nach China raten? Nun, wer bereit ist, Vorurteile abzulegen und tolerant zu sein, wird von China begeistert sein. Es ist ein tolles Land, und es sind ganz wunderbare, wertvolle Menschen! Jürgen Jungnickel



