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Klares Signal: Sind Jäger tagsüber im Einsatz, dann tragen sie gelbe oder rote Warnwesten wie hier bei einer Jagd bei Potsdam. Foto: dpa
Klares Signal: Sind Jäger tagsüber im Einsatz, dann tragen sie gelbe oder rote Warnwesten wie hier bei einer Jagd bei Potsdam. Foto: dpa
04.08.2016

Schießerei in Neuhausen entpuppt sich als Ernteeinsatz

Neuhausen. Die Anschläge der jüngsten Vergangenheit haben die Menschen stark verunsichert und sensibilisiert. Wie groß das Ausmaß ist, bemerkt zuallererst die Polizei. Da werden plötzlich Beobachtungen gemeldet, die vorher niemanden interessiert hätten – und die sich oft als völlig harmlos herausstellen. Die Beamten müssen natürlich trotzdem jeden Hinweis ernst nehmen.

Das heißt: Sie fahren entsprechend ausgerüstet zu dem Ort einer möglichen Schießerei. Schließlich weiß man nie, ob man auf Amokläufer oder Terroristen trifft – oder ob sich die Angelegenheit als Fehlalarm herausstellt.

Ein Einsatz dieser Art hat sich am Mittwoch, 27. Juli – kurz nach dem Münchner Amoklauf – in Neuhausen abgespielt. Dort war die Familie Philipp wie immer um diese Jahreszeit dabei, ihre Rapsfelder beim Büchelberg abzuernten. Wie üblich hatten sie auch die Jäger benachrichtigt, damit sie vom Mähdrescher aufgeschreckte Wildschweine abschießen können. Die Jäger trugen Warnwesten, damit sie für Unbeteiligte gut zu erkennen sind – auch das ein üblicher Vorgang. Alles in allem also eine Situation, wie sie in dieser Jahreszeit auf dem Land häufig vorkommt. Und dennoch führte sie diesmal zu einem großen Polizeieinsatz, bei dem die Tiefenbronner Polizei Unterstützung von den Kollegen aus Ludwigsburg erhielt.

Denn eine Frau, die mit ihrem Auto an dem Feld vorbei fuhr, fand das Szenario merkwürdig und beängstigend. Und so eilte sie ins Rathaus und informierte eine Mitarbeiterin, dass auf dem Feld jemand mit einem Gewehr herumlaufe, der schieße – der Mann sehe definitiv nicht wie ein Jäger aus. Die Rathaus-Mitarbeiterin informierte daraufhin den Polizeiposten in Tiefenbronn – und die Beamten spulten das normale Programm bei einer Gefährdungslage ab, wie Sabine Doll, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Karlsruhe auf PZ-Anfrage mitteilt. Wenn eine Schießerei gemeldet wird, sei erhöhte Eigensicherung nötig: Die Beamten – es waren mehrere Streifenwagen vor Ort – waren mit Schutzkleidung, Helm und Maschinenpistolen ausgerüstet. Laut Sprecherin Doll lief der Einsatz normal ab: Ein Landwirt wurde durchsucht, ein Jäger musste seine Waffe niederlegen, was er nach mehrfacher Aufforderung auch getan habe. Dann sei schnell klar gewesen, dass es sich hier nicht um eine Schießerei, sondern um einen normalen Ernteeinsatz handelt – und die Beamten rückten ab.

Der betroffene Landwirt und die Jäger empfanden das Vorgehen dennoch als völlig überzogen. Schließlich habe man gesehen, was auf dem Feld vor sich gehe. Gerd Philipp, der für die CDU im Gemeinderat und im Kreistag sitzt, ist verwundert und ärgert sich. „Da wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, meint er. Es sei schließlich bekannt, dass seine Familie um diese Jahreszeit die Ernte einfahre und dass dabei auch Jagdpächter im Einsatz seien. Das wisse vor Ort eigentlich jeder. „Ein Anruf bei uns hätte genügt, um die Angelegenheit aufzuklären“, so Philipp.

Kreisjägermeister Dieter Krail weist darauf hin, dass die Jäger noch bis zum Ende der Erntezeit während des Abmähens Wildschweine jagen werden. „Das dauert noch ungefähr zehn Wochen, bis der Mais geerntet ist.“ Er betont, dass die Jäger tagsüber nicht unbedingt an ihrer grünen Kluft zu erkennen seien. „Wir tragen gelbe oder rote Warnwesten und sehen dann eher wie Straßenarbeiter aus“, erklärt er. Die Jagd einzustellen, bis sich die nervöse Stimmung im Land etwas beruhigt hat – das sei nicht möglich. Gerade in der Erntezeit würden sich die Bauern darauf verlassen, dass etwas gegen die Wildschweinplage unternommen werde. „Wir haben keine Möglichkeit, uns anders zu verhalten.“