

In der evangelischen Kirche trägt man als Pfarrer und Pfarrerin einen Talar. Der Talar ist kein liturgisches Kleidungsstück, sondern das Gewand eines Redners. Damit wird deutlich, dass es im Gottesdienst auf das gepredigte Wort ankommt. Nichts soll davon ablenken, auch die Kleidung nicht.
In meiner Anfangszeit als Pfarrer war das noch etwas ungewohnt mit dem Talar, aber mittlerweile bin ich froh darüber, dass ich mir nicht jeden Sonntag überlegen muss, was ich anziehen soll.
Man gibt so den Gottesdienstbesuchern auch keinen Anlass zum Gespräch darüber, was denn der Pfarrer an Extravagantem angehabt hat. Sie sollen vielmehr über die Predigt nachdenken, und es ist immer positiv, wenn man dann auch mal ehrliche und konstruktiv kritische Rückmeldungen betreffs des Gottesdienstes bekommt.
Eine Rückmeldung werde ich so schnell nicht vergessen, obwohl ich sie ganz zu Beginn meiner Dienstzeit bekommen habe. Da kommt nach dem Gottesdienst ein älterer Herr auf mich zu und sagt: „Herr Pfarrer, ich muss Ihnen noch was sagen, das ist mir im Gottesdienst aufgefallen. Sie haben so schöne weiße Zähne –meine Frau hat das übrigens auch schon gesagt!“ Aha – ich muss schmunzeln und ich weiß dabei nicht so richtig, ob das jetzt ein in freundliche Worte gekleideter Aufruf ist, meinen Beruf zu wechseln und in die Werbebranche zu gehen – ich könnte ja ganz dick bei Dentagard oder Perlweiß einsteigen – oder ob das einfach so ehrlich und nett gemeint ist, wie der Mann seine so wichtige Beobachtung auch vorgebracht hat. Ich vermute jedoch letzteres.
Bei der Begegnung ist mir auch eines klar geworden: Dass die Leute im Gottesdienst nicht nur auf das gesprochene Wort achten, sondern auf ganz andere Dinge. Das kann selbst der Talar nicht verhindern. Mathias Kraft, Gräfenhausen



