



Beinfreiheit. So viel Beinfreiheit findet sich auf keiner der ellenlangen Zubehörlisten moderner Autos. Aber hier hinten, auf der Rücksitzbank dieses 54 Jahre alten Citroën 11 CV, da kann man die Beine so richtig lang machen. Es sollte doch diese Bequemlichkeit sein, die diesen Wagen berühmt gemacht hat, möchte man heute meinen – wo man die Leidensfähigkeit eines Fakirs braucht, um zwei Stunden in der zweiten Reihe schadlos zu überstehen.
Weit gefehlt: Der schwarz-glänzende Wagen ist Autofans unter dem Namen „Gangsterlimousine“ ein Begriff. Die seinerzeit hervorragenden Fahreigenschaften sollen das Auto in Ganovenkreisen besonders beliebt gemacht haben. Als Fluchtfahrzeug.
Philipp Bauknecht bewegt den Wagen nicht über die engen Schwarzwaldstraßen, als wäre er auf der Flucht. Für die weit über 200 Teilnehmer der zweiten Auflage der „Tiefenbronn Classic“ geht es schließlich nicht um Geschwindigkeit. Sondern um Genuss. Und vielleicht auch darum, den zahllosen Zuschauern entlang der 135 Kilometer langen Strecke durch den nördlichen Schwarzwald und das Heckengäu genügend Zeit zu lassen, die Raritäten auf zwei und vier Rädern in Ruhe zu bestaunen. Bauknecht hat den Wagen für die Runde zur Verfügung gestellt bekommen, weil er die Veranstalter der Rundfahrt, die Oldtimerfreunde Tiefenbronn, bei der Organisation unterstützt hat. Bei der Probefahrt am Tag zuvor, berichtet seine Beifahrerin Petra Schneider, hat sich das Schaltgestänge so verklemmt, dass gar nichts mehr ging. Heute passiert das nicht. Bauknecht und der Citroën gewöhnen sich aneinander. Der Chauffeur wechselt die Gänge mit Entschlossenheit, das Drei-Gang-Getriebe knirscht hin und wieder vernehmlich mit den Zähnen. Der zweite Gang entwickelt sich zum Universalgang. Der Motor schnurrt mit seinen 56 PS und man will auch gar nicht wirklich wissen, wie sich die Gangster gefühlt haben, wenn der Tacho tatsächlich einmal die Höchstgeschwindigkeit von 109 Stundenkilometern angezeigt hat.
Das sind Geschwindigkeiten, über die Paul Ernst Strähle und Herbert Linge nur milde lächeln könnten. 1957 haben sie auf einem Porsche 356 die 1600 Kilometer lange Mille Miglia gewonnen – mit exakt diesem Fahrzeug machen sich Strähle (82) und Linge (81) auch auf die Runde der „Tiefenbronn Classic“. 125 bis 130 PS leistet der Motor im Heck des leichten Sportwagens, schätzt Strähle. Die wollen die beiden an diesem Tag aber nicht ausreizen: „Wir fahren hier einfach mit.“ Eine Zusage, die Fahrtleiter Dieter Röscheisen als Ritterschlag für die Veranstaltung verstanden hat.
Dass der metallicblaue Porsche trotzdem recht flott auf den vor ihm gestarteten Citroën aufläuft, bemerkt Philipp Bauknecht so schnell gar nicht. Aber mal ehrlich: Welcher Gangster schaut schon in den Rückspiegel?Holger Knöferl



