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16.01.2017

Tipps zum effizienten Gehirntraining für Best-Ager

Nachrichten aus der Hirnforschung lassen ältere Menschen stets aufs Neue erwartungsvoll aufhorchen. Wer sich auch in der zweiten Lebenshälfte bis hin ins hohe Alter hinein mit Engagement und Beharrlichkeit geistigen Herausforderungen stellt, bleibt eher geistig in Form. Er bringt die besten Voraussetzungen mit, sich eine aktive Teilhabe am Leben mit seinen verschiedensten Herausforderungen zu bewahren.

So eint doch eine neue Generation 50plus – so dynamisch, fit und erlebnishungrig sie auch im Bild der Medien präsentiert wird – im Grunde nichts sehnlicher als der schlichte Wunsch, eigene Unabhängigkeit und eine Lebensführung in Selbstbestimmung so lange wie nur möglich aufrechtzuerhalten. Zu seiner Erfüllung liegt der Schlüssel im Erhalt der mentalen Gesundheit.

Was seit einigen Jahren in den USA unter dem Begriff „Gehirnjogging“ an computergestützten Lernprogrammen kursiert, beleuchtet dabei jedoch nur einen Teilaspekt. Vielmehr sollte ein eher ganzheitlicher Ansatz im Interesse der sogenannten „Best-Ager“ liegen – fernab etwa vom stereotypen Auswendiglernen von Zahlenketten in Rekordgeschwindigkeit. Universellere Aspekte wie allgemeine Merkfähigkeit, Orientierungssinn, generelle Lernfähigkeit, Sozialkompetenz – um nur einige zu nennen – stehen eher im Diskurs einer verantwortungsvolleren Sichtweise von Lern- und Gedächtnis-Experten. Wie lautet ihr Tenor?

Parallelbeanspruchungen gegen Depression

Gerade im Bereich kognitiver Leistungsfähigkeit weisen Studien darauf hin, dass die tradierte Lebensweisheit, nach der derjenige rostet, der auch rastet, ihre universelle Gültigkeit unabhängig vom Lebensalter hat.

Dabei bedeutet „Rosten“ nicht zwangsläufig - entsprechend dem veralteten Bild des zurückgezogenen Rentners, der abgeschottet von der Außenwelt seinen Lebensabend auf der Couch verbringt - in körperliche Lethargie zu verfallen. Vielmehr fördern viele Untersuchungen das wertvolle Wechselspiel zwischen körperlicher Fitness, sozialem Engagement und geistiger Herausforderung zu Tage.

Denn: Ebenso wie ein Best-Ager Sport treibt, um sich körperlich fit zu halten, brauchen seine „grauen Zellen“ intellektuelle Herausforderungen – und das nicht nur im fortgeschrittenen Alter.

So fand die Alterswissenschaftlerin Jerri Edwards von der University of South Florida in Tampa heraus, dass sogenannte „Gehirn-Jogger“, die ihre geistigen Fähigkeiten regelmäßig trainieren, sicherer im Straßenverkehr fahren.

Auch wirken bestimmte Formen des Gehirnjoggings offenbar tatsächlich vorbeugend gegen Demenz. Regelmäßiges Training vor allem der visuellen Aufmerksamkeit steigere zudem die Leistungsfähigkeit in Alltagssituationen.

Dafür verantwortlich ist ihrer Ansicht nach eine spezielle Form des Gehirnjoggings. Beim sogenannten "Speed of Processing"-Training sollen visuelle Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe einer Senioren-Gruppe gleichermaßen gestärkt und beschleunigt werden. Das geschieht etwa durch das optimierte Identifizieren eines bestimmten Gegenstands aus einem Suchbild.

Das Prinzip: Die Probanden werden gleichzeitig zwei Herausforderungen ausgesetzt. Objekte sollen in einem Suchfeld möglichst umfassend wahrgenommen werden, während sie in einem zweiten Fenster mit einer Zusatzaufgabe konfrontiert werden.

Die Forscherin fand heraus, dass durch regelmäßige Doppelbeanspruchung mit zwei parallel geöffneten Sichtfenstern die Fähigkeit der Testpersonen auf Dauer zunahm, den gesuchten Gegenstand immer schneller im Suchbild wahrzunehmen – und das auch, wenn sich die Objekte sehr ähnelten.

In über 50 Studien konnte Edwards mit solchen Übungen zur Stärkung von visueller Aufnahmefähigkeit und Auffassungsgabe nachweisen, dass sie geeignet sind, generelle Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit, etwa beim Autofahren, zu erhöhen.

So gaben weit weniger Personen in der trainierten Probandengruppe in einem langjährigen Untersuchungszeitraum ihren Führerschein ab und litten deutlich seltener unter Depressionen als ungeübte Senioren.

Ihr Fazit: Wer geistig fit bleiben wolle, solle sich am besten auf Gehirnjoggings konzentrieren, deren Wirkung durch Studien eindeutig belegt ist.

Geistig fit durch Krafttraining?

Weitere Studien wie etwa die an der Centro Oeste Universität in Brasilien konnten nachweisen, dass regelmäßiges Krafttraining bei älteren Frauen nicht nur zu einer Erhöhung des Gleichgewichts, der Flexibilität und Steigerung der Körperkraft führte. Die Untersuchung, an der insgesamt 29 ältere Frauen zwischen 60 und 70 Jahren teilnahmen, führte zu dem überraschenden Ergebnis, dass die körperlichen Belastungseinheiten die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmerinnen erhöhten.

Während eine erste Gruppe von acht Frauen nicht an dem dreimonatigen Training teilnahm, sah das Training bei der zweiten Gruppe je drei Trainingseinheiten pro Woche vor. Dabei wurden vor allem die großen Muskelgruppen beansprucht, mit Pausenzeiten von jeweils einer Minute zwischen den einzelnen Übungen.

Jeweils zu Beginn und nach Abschluss der Studie mussten sich die Teilnehmerinnen zur Auswertung der Gehirnleistung einem kognitiven Leistungstest, dem sogenannten Montreal-Cognitive-Assessment (MoCA)-Test unterziehen.

Er war als ein schnell durchzuführendes Screening-Instrument für leichte kognitive Einbußen konzipiert worden und bewertet unterschiedliche kognitive Bereiche:

  • Aufmerksamkeit

  • Konzentration

  • Exekutivfunktionen

  • Gedächtnis

  • Sprache

  • konzeptuelles Denken

  • Rechnen und Orientierung.

Die Auswertung der beiden Tests ergab unter anderem eine Leistungszunahme der geistigen Allroundfähigkeiten um circa 19 Prozent.

Die Mischung macht die Musik

Das Untersuchungsergebnis weckt Hoffnung vieler älterer Menschen, die sich um einen unverändert wachen und gesunden Geist im Alter sorgen, Damit einher geht die Befürchtung, durch ein Nachlassen geistiger und kognitiver Fähigkeiten den Herausforderungen des Alltags zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gewachsen zu sein.

Der Demenz- Experte Dr. Martin Haupt, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychotherapie, kann die Bedenken vieler zerstreuen. Er verweist auf eine Reihe von Untersuchungen, die Hoffnung machen, geistigem Verfall jederzeit aktiv entgegenwirken zu können.

Ihr Tenor liegt, wie Haupt aus eigenen Nachforschungen bestätigen kann, auf einer auch im hohen Alter ausgeprägten kognitiven Lernfähigkeit, die nur dem Willen und der Bereitschaft des Einzelnen unterliegt.

Mehr noch: Die Gedächtnisleistungen der Generation 50Plus lässt sich nicht nur erfolgreich trainieren, kognitives Training macht das Gehirn auch stabil gegenüber Abbauprozessen. Entgegen gängiger Lehrmeinung vieler Befürworter von kommerziellen Gehirnjogging-Programmen und -Apps setzt Haupt dagegen mehr auf eine Kombination aus körperlicher Bewegung und wechselnden Gedächtnisübungen.

Ziel muss sein, nicht nur die grauen Zellen auf Trab zu bringen, vielmehr hilft eine bewusste Vermeidung von Routine dabei, die Bildung neuer Gehirnzellen wie auch neuer Verknüpfungen der Zellen untereinander zu stimulieren. Gehirnzellen-Strukturen werden – unabhängig vom biologischen Alter – komplexer und vitaler - eine regelmäßige kognitive Beanspruchung vorausgesetzt.

So liege der konzeptuelle Fehler vieler Gehirnjogging-Programme vor allem darin, dass nur bestimmte kognitive Teilbereiche durch das spezifische Training stimuliert werden.

Leistungserfolge im „Dressieren“ bestimmter Hirnleistungen – wie etwa das reine Auswendiglernen von Texten oder Zahlenkombinationen - seien zwar möglich, wären jedoch weit von einem alltäglichen, komplexen Mix aus Anforderungen entfernt, der gerade für Senioren besonders belastend sein kann.

Fazit: Auf zu neuen Ufern

Denkabläufe zu automatisieren, wie das etwa beim täglichen Kreuzworträtsel-Lösen der Fall ist, trägt nur unwesentlich zum Gedächtnistraining bei. Vielmehr kommt es auf eine Vermeidung einseitiger Denkroutinen zu Gunsten komplexer Prozesse an.

Etwa einen Kindergeburtstag für das Enkelkind in Eigenregie zu organisieren, oder sich in eine vollkommen neue Thematik einzulesen – Beispiele für derartige komplexe Prozesse gibt es genug, die für ein Erstarken geistiger Leistungsfähigkeit geeignet sind. Auch das Erlernen und Ausüben einer neuen Sprache kann die Bildung neuer Hirnsynapsen anregen.

So kann etwa tägliches, mindestens 20-minütiges intensives Vertiefen in eine bekannte Thematik bereits nach zwei bis drei Monaten erste sichtbare Erfolge zeitigen.

Aber auch beständiges informieren über neue, noch nicht bekannte Sachverhalte, das Vertiefen und Nachlesen von bislang unbekanntem Wissen hilft, geistig fit zu bleiben – besonders, wenn dabei der rege Austausch mit Mitmenschen bis ins hohe Alter hinein nicht vergessen wird – nach der Devise: Neugierde hält fit.

Bilder:

Abbildung 1: fotolia©jd-photodesign (#106572949)

Abbildung 2: fotolia©oneinchpunch (#106572949)

Abbildung 3: pixabay©sylviebliss (CC0 1.0)