



Nach drei Spielen ohne Niederlage atmet der KSC auf Platz 15 durch. Die PZ analysiert die Eckpfeiler des blau-weißen Aufschwungs.
Im Hintergrund: Die bunten, karnevalistischen Klänge des Karlsruher Fasnachtsumzugs. Im Vordergrund: Ein Fußballlehrer, der solch schöne Sätze sagt wie: „Die Sonne scheint, wir gewinnen, es macht zurzeit riesig Spaß, Trainer zu sein.“
Und doch herrscht auf dem Trainingsgelände des Karlsruher SC nicht nur eitel Sonnenschein: Fluchend dreht sich Klemen Lavric ab, weil er bei Marco Terrazzinos Schuss ins Leere lief. Als kurz darauf doch noch ein Tor fällt, drischt Schlussmann Dirk Orlishausen den Ball wütend gen Nachbarplatz – wo sich die Nummer zwei, der Pforzheimer Alexander Stolz, gerade noch rechtzeitig vor der herabstürzenden Kugel schützen kann. Die Spieler des Fußball-Zweitligisten wissen: Trotz zuletzt sieben Punkten und 4:1 Toren ist der Klassenerhalt noch in weiter Ferne. Zugleich zeigt die positive Stimmung von Trainer Jörn Andersen, dass sich beim KSC seit der Pleitenserie 2011 vieles geändert hat.
Die Defensive: Staffeldt, Soumaré, Rada, Charalambous: Diese Namen stehen nicht nur für vier verschiedene Muttersprachen, sondern auch für neue Stabilität. Erstmals in der Saison spielte der KSC drei Spiele in Folge mit derselben Viererkette, erstmals blieb diese zweimal hintereinander ohne Gegentor. Auch Andersen sprach die neue Sicherheit bei seiner gestrigen Mannschaftsansprache an – auch wenn dabei der Hauptverantwortliche wegen eines privaten Termins fehlte: Neuzugang Bakary Soumaré.Er gewann bisher 72,9 Prozent Prozent seiner Zweikämpfe, der Topwert im Team
Das Juwel: Er kam, zauberte und siegte. Hakan Calhanoglu verzückte bei seinem Profidebüt Fans und Trainer. Flinke Dribblings, präzise Flanken: Der Deutsch-Türke ist Gold wert. Dies merkt aber auch die Konkurrenz: Dem Vernehmen nach verspürt Calhanoglu derzeit keine große Lust, seinen bis Juli 2013 laufenden Vertrag vorzeitig zu verlängern.
Die Doppelsechs: Im Schatten Calhanoglus hat sich ein Traumpaar entwickelt, das für den Karlsruher Erfolg mindestens genauso wertvoll ist: Pascal Groß und Steffen Haas. Schon 2011 wunderten sich viele Zuschauer bei den Amateuren darüber, dass der passsichere 20-Jährige den Sprung in die Bundesligaelf noch nicht geschafft hat. Jetzt hält er Calhanoglu den Rücken frei – und darf sich mit Haas und Ersatzmann Matthias Cuntz über ein Lob des Trainers freuen: „Die drei haben sich in der Vorbereitung richtig gut weiterentwickelt“, so Andersen.
Das System: „Ob 4-4-2, 4-2-3-1 oder 4-3-3, das wird vollkommen überbewertet, die Spieler können das alles spielen“, sagt Andersen. Doch just das war beim KSC lange nicht zu sehen: Taktische Variabilität. „In der ersten Halbzeit gegen Cottbus haben wir keinen Zugriff auf den Gegner gehabt“, analysierte Timo Staffeldt. Andersen reagierte in der Pause: Aus dem 4-4-2 mit Raute wurde ein 4-2-3-1. Die Folge: Plötzlich war das Mittelfeld in Karlsruher Hand. Die Umstellung in der Halbzeit, so Staffeldt weiter, „hat zu guter Letzt den Unterschied gemacht.“
Die Psyche: Die Mannschaft scheint wieder an sich zu glauben. „Es herrscht eine richtig gute Stimmung in der Mannschaft“, sagt Andersen. Auch deswegen hätten seine Jungs den Rückstand gegen Aue und den Elfmeter gegen Braunschweig wegstecken können.
Die Fans: Vor 11515 Zuschauern beendete der KSC gegen Aue die Durststrecke von fünf Niederlagen in Folge. Von fünfstelligen Werten kann die Konkurrenz im Abstiegskampf nur träumen. „Alle Mann nach Frankfurt“ verkündete am Freitag an Transparent der KSC-Fans, bis zu 2000 Karlsruher werden am Sonntag bei der Partie beim FSV erwartet. Wie sehr eine gute Stimmung die Mannschaft vorantreiben kann, bewies Soumaré nach dem Cottbus-Sieg. Auf seiner Facebook-Seite schrieb der Mann aus Mali: „Ihr seid fantastisch. Es ist nicht zu beschreiben, wie ich mich fühlte, als Ihr meinen Namen gerufen habt.“
Das Auftaktprogramm: Man muss kein Spielverderber sein, um zu sehen: Die ersten Gegner waren wir geschaffen für den schwer verunsicherten KSC: Aue, Braunschweig, Cottbus. Alle warten seit Wochen auf einen Sieg, alle wähnten sich schon jenseits von Gut und Böse. Erst das Gastspiel beim direkten Konkurrenten FSV Frankfurt und die folgenden Auftritte gegen Topmannschaften wie Düsseldorf und St.Pauli werden zeigen, wie weit der KSC wirklich ist.
Autor: Simon Walter