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Sehen statt hören: Die deutschen Gehörlosenfußballer halten vor dem Länderspiel gegen Schweden Blickkontakt zu einer Frau, die die Nationalhymne in Gebärdensprache übersetzt. Im Hintergrund lief die Musik. Foto: Ripberger
Sehen statt hören: Die deutschen Gehörlosenfußballer halten vor dem Länderspiel gegen Schweden Blickkontakt zu einer Frau, die die Nationalhymne in Gebärdensprache übersetzt. Im Hintergrund lief die Musik. Foto: Ripberger
Die Brüder Robin (links) und Kevin Bayer spielen auch für den FV Öschelbronn.  Foto: Ripberger
Die Brüder Robin (links) und Kevin Bayer spielen auch für den FV Öschelbronn. Foto: Ripberger
Vor allem über die Fahne regelt der Schiedsrichter das Spiel.  Foto: Ripberger
Vor allem über die Fahne regelt der Schiedsrichter das Spiel. Foto: Ripberger
Große Gestik: Gehörlosen-Nationaltrainer Frank Zürn (Mitte) beherrscht die Gebärdensprache und motiviert so seine Spieler vor der Partie.   Foto: Ripberger
Große Gestik: Gehörlosen-Nationaltrainer Frank Zürn (Mitte) beherrscht die Gebärdensprache und motiviert so seine Spieler vor der Partie. Foto: Ripberger
Fabian Trappe (links) im Zweikampf mit Schwedens Alexander Neverland.   Foto: Ripberger
Fabian Trappe (links) im Zweikampf mit Schwedens Alexander Neverland. Foto: Ripberger
17.10.2016

Gestenreiches Fußball-Spektakel: Gehörlosen-Nationalelf besiegt Schweden

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normales Fußballspiel – mit jeder Menge Emotionen, Kampf und Leidenschaft. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass hier besondere Sportler zu Werke gehen. Denn bei den Gehörlosen-Kickern ist der Geräuschpegel auf und neben dem Platz auffallend niedrig. In aller Regel werden auch nicht viele Worte gemacht. Fast ausschließlich läuft die Kommunikation über Gesten, Gebärden oder Blickkontakt. Die einzigen Ausnahmen: Bei Fouls oder Torjubel kann es mitunter schon ein bisschen lauter werden. Ein feines Gespür für den Nebenmann, der zumeist weder gehört noch angesprochen werden kann, haben die Fußballer der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft entwickelt.

Erwartungsgemäß hat sich das Team von Bundestrainer Frank Zürn mit einem 3:1-Sieg im Nöttinger Panoramastadion gegen Schweden die Teilnahme an den „Deaflympics“, den Olympischen Spielen für Gehörlose gesichert. Vor der Partie wurden wie gewöhnlich beide Nationalhymnen gespielt, der Text aber zusätzlich mit Gebärdensprache übersetzt.

Für das 1:0 (19.) des deutschen Teams sorgte der Berliner André Nowark. In der Schlussphase legten er und Stürmer Raisi Zalla nach. „Es war eine schwere Geburt und wir haben spielerisch nicht das gezeigt, was wir eigentlich können“, meinte Trainer Zürn. Zu seiner aktiven Zeit war der heute 48-Jährige übrigens Verbandsliga-Torjäger beim VfB Grötzingen. Und seine Handschrift – mit Dreier- beziehungsweise Viererkette in der Abwehr – ist mittlerweile unverkennbar. Seit der Sportlehrer, der am Königsbacher Lise-Meitner-Gymnasium unterrichtet, die Mannschaft vor 16 Jahren übernommen hat, stellen sich die Erfolge ein: Europameister 2003, Weltmeister 2008. Hinzu kamen drei Bronzemedaillen bei den „Deaflympics“ 2005 in Melbourne, 2009 in Taipeh und 2013 in Sofia. Kommendes Jahr wollen die Kicker des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands im türkischen Samsun möglichst noch einen draufsetzen.

Bis dahin steht dem Trainerteam um Frank Zürn, Jens Becker, Werner von der Ruhren und Steven Helmboldt aber noch ein hartes Stück Arbeit bevor. „Bis 2017 müssen wir das in nur drei Lehrgängen irgendwie hinkriegen“, sagt Zürn. „Wir haben halt nicht die Möglichkeiten und finanziellen Mittel des DFB.“

Mit Robin (25) und Kevin Bayer (22) spielen zwei Fußballer aus der Region im Mannschaftsgefüge eine wichtige Rolle. Seit kurzem läuft das Brüderpaar aus der Karlsruher Nordstadt für den FV Öschelbronn auf. Grund dafür ist Trainer Thomas Scherer, der die beiden Gehörlosen-Fußballer bereits beim FV Wössingen betreut hat. „Er ist einfach genial und kann uns ganz genau einschätzen“, schwärmt Kevin Bayer, der zurzeit wegen eines Kreuzbandrisses pausieren muss. Am liebsten hätte er seinem Bruder, der beim Länderspiel über die Außenbahn stürmte, den ein oder anderen Ball aufgelegt. „Wenn ich im Mittelfeld dabei bin, steigt seine Torquote, weil wir uns blind verstehen“, versichert Kevin.

Problematisch für das Gehörlosen-Nationalteam seien vor allem die ungenügenden Trainings- und Vorbereitungszeiten. Oft müssten Spieler aus beruflichen Gründen Lehrgänge absagen, weil sie keinen Urlaub bekommen. „Deswegen starten wir auch meistens schlecht in die internationalen Turniere. Es dauert halt, bis wir eingespielt sind und uns steigern können“, weiß Robin Bayer.

Zurzeit muss Trainer Frank Zürn drei verletzte Stammspieler ersetzen. Bei einem eh schon dünnen Kader gleicht das einem Drahtseilakt. „Es ist für mich aber ein Vorteil, dass ich die Mentalität von Gehörlosen genau kenne“, sagt Zürn, der die Gebärdensprache als Kind wegen seiner gehörlosen Eltern gelernt hat. Trotzdem brauche es mit seinen Schützlingen immer besonders viel Zeit, bis bestimmte taktische Dinge eingeübt seien. „Ich kann im Training nicht einfach pfeifen und eine Situation schnell unterbrechen, weil das nur wenige Spieler mitkriegen“, schildert er. Dennoch mache ihm die Arbeit mit seiner Gehörlosen-Truppe mächtig Spaß. „Die Jungs sind aufmerksam, lernwillig und erfolgshungrig. Als Trainer kriege ich da eine Menge zurück.“