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Die IG Metall-Bevollmächtigten der vergangenen 50 Jahre (von links) Martin Kunzmann, Franz Fürst und Richard Weißinger im Gespräch mit DGB-Regions-Chef Lars-Christian Treusch. KETTERL
Die IG Metall-Bevollmächtigten der vergangenen 50 Jahre (von links) Martin Kunzmann, Franz Fürst und Richard Weißinger im Gespräch mit DGB-Regions-Chef Lars-Christian Treusch. KETTERL
19.10.2016

IG Metall feiert ihr 125-jähriges Bestehen im CongressCentrum

Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor. Hell aus dem Dunkeln vergangen, leuchtet die Zukunft hervor.“ Das Lied wurde 1897 von Leonid Radin im zaristischen Gefängnis geschrieben. „An der Wiege der Arbeiterbewegung stand das Dunkel: Not und Elend, 60 bis 80 Stunden Arbeit pro Woche. Kinderarbeit, schlechte Bildung, Ausbeutung, keine soziale Absicherung bei Krankheit und im Alter“, erinnert Martin Kunzmann, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Pforzheim. Vor 125 Jahren wurde in Frankfurt der deutsche Metallarbeiter-Verbandes (DMV), die wichtigste Vorläuferorganisation der IG Metall, gegründet. Das Jubiläum ist am Dienstag mit einem Festakt im CongressCentrum Pforzheim gefeiert worden.

Die Gründung der ersten gewerkschaftlichen Vertretung der Arbeiter in der Pforzheimer Bijouterie-Industrie gehe sogar bis auf das Jahr 1869 zurück, ergänzte Kunzmann. Aus dem schon bestehenden Arbeiterbildungsverein entstand der Gewerkverein der Pforzheimer Goldarbeiter. In dessen Statuten wurden folgende Ziele festgelegt:

Die Gründung einer Kranken– und Begräbniskasse (GEK)

Ansammlung eines Vermögens zur Unterstützung in Zeiten gänzlicher Geschäftseinstellung

Der Gewerkverein der Goldarbeiter erhob die Forderung nach dem Zehnstundentag (beziehungsweise der 60 Stundenwoche) bei gleichbleibendem Lohn. „Gegen diese Forderung wurde von den Arbeitgebern schon damals das Schreckgespenst vom Bankrott der Wirtschaft an die Wand gemalt: Jede Arbeitszeitverkürzung bedeute den Ruin der deutschen Wirtschaft.“ Dieses Argument sei von der Geschichte mehrfach widerlegt worden, betonte Kunzmann. „Man muss sich schon wundern, dass es immer wieder aus der Mottenkiste gegraben wird.“

Die Arbeitgeberseite schloss sich zu einem Fabrikantenverein zusammen. Die Arbeiterführer wurden entlassen. Der Fabrikantenverein fasste den Beschluss, dass nur den Arbeitern eine Stelle zugesagt werden dürfe, die einen Kündigungsschein vom Gewerkverein vorlegten. „Auch heute haben Menschen immer noch Angst, sich öffentlich als Gewerkschafter zu erkennen zu geben“, beklagte Kunzmann. „Immer noch versuchen Unternehmer, Betriebsratswahlen zu verhindern. Und das alles im Jahr 2016.“

Es gehöre zum Alltag in der Marktwirtschaft, dass sich Unternehmer erst dann kompromissbereit zeigten, wenn sie eigene Erfahrung mit gewerkschaftlicher Konfliktbereitschaft gesammelt hätten.

Kunzmann erinnerte an den Arbeitskampf von 1984, in dem durch einen siebenwöchigen Arbeitskampf der Einstieg in die 35- Stunden-Woche erreicht wurde. Bei Behr waren über 2000 Beschäftigte im Streik und bei Radio-Becker und bei SEL über 1000 Beschäftigte ausgesperrt. „Unter der Führung von Franz Fürst und Richard Weißinger haben die Pforzheimer Metaller bei jeder Auseinandersetzung ihre Frau und ihren Mann gestanden.“ Oft höre man die Forderung in den eigenen Reihen, man müsse mal wieder streiken. „Lasst mich sagen, ein Streik darf nie zum Selbstzweck gemacht werden. Er ist die Ultimo Ratio bei einer Auseinandersetzung.“

Doch in Krisenzeiten sei die Gewerkschaft gefordert: „In Pforzheim erlebten wir in den 1970er-Jahren die Uhrenkrise und in den 1990ern die Schmuckkrise. „Wir haben versucht die Uhrenfabrikanten davon zu überzeugen, dass man Kräfte bündeln muss. Leider kam kein Bündnis zustande. So verloren Tausende Frauen und Männer in Pforzheim ihre Existenzgrundlage. Zu Beginn der Schmuckkrise fanden Gespräche mit der Landesregierung statt, um die Branche beim notwendigen Strukturwandel zu unterstützen.“ Einige Unternehmer hätten es mit neuen Produkten geschafft, ihre Position zu behaupten.

Mit einer Videobotschaft gratulierten aus Berlin Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und SPD-Bundestagsabgeordnete Claudia Mast. Die Ministerin würdigte das nachhaltige Engagement der Pforzheimer Gewerkschafter. Die IG Metall habe es in den vergangenen 125 Jahren geschafft, die Folgen der Industrialisierung für die Beschäftigten abzumildern. CDU-Bundestagsabgeordneter Gunther Krichbaum gratulierte schriftlich.