

PFORZHEIM. Wie bisher kann’s nicht weitergehen. Das erklärte Meinhard Miegel am Montagabend im PZ-Autorenforum. Und das führt er in seinem neuen Buch „Exit“ aus: Das Ende stetigen Wirtschaftswachstums ist gekommen.
Kaum zu glauben, aber es gibt sie schon längst, die große Koalition aus Parteien aller Coleur – und es gibt ihn seit langem, den engen Schulterschluss zwischen Unternehmern und Gewerkschaften. CDU, SPD, FDP, Grüne und Die Linke – sie alle seien der Meinung, dass ohne Wachstum keine Arbeitsplätze und kein Wohlstand geschaffen werden könne. Darin seien sich auch Arbeitnehmervertreter und Arbeitgeberseite einig.
Indes: „Der Wachstumspfad ist zu Ende“ behauptet der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel, Erfolgsautor, einstiger CDU-Vordenker, Vorstandsvorsitzender einer Stiftung für kulturelle Erneuerung sowie ständiger Berater von Politik und Wirtschaft. Und er übt Kritik an dieser unheiligen Allianz und dem Bündnis aus Wohlstands-Gläubigen, die dem Götzenbild des Wachstums huldigen. Miegel: „Große Teile der Welt hängen am Wirtschaftswachstum wie Alkoholiker an der Flasche oder Drogensüchtige an der Nadel.“ Volles Haus beim PZ-Autorenforum am Montagabend. Das alleine schon ließ darauf schließen, dass das Thema der Veranstaltung bei den Bürgerinnen und Bürgern als brisant gilt. Und dann der Vortragende: Meinhard Miegel. Sein neuestes Werk provoziert. „Exit“ – also Ausstieg – heißt das Buch von Miegel, in dem er die Gesellschaft auffordert, endlich Abschied zu nehmen vom „Wachstumswahn“. Immer höher, größer, weiter, schneller führt seiner Ansicht nach irgendwann zum Ausbluten des Systems, nicht als Totalabsturz, sondern als schleichender Prozess. Ganz zu schweigen von der Ausbeutung der Natur: „Die Kapazitäten der Erde und ihrer Fähigkeiten“, warnte Miegel, seien begrenzt und in Teilen bereits erschöpft.
Abschied nehmen vom Wachstum bedeute seiner Ansicht nach nicht gleichzeitig Abschied vom Wohlstand. „Es geht auch ohne.“ Und wie? „Es kommt darauf an, wie man Wohlstand definiert“, erklärte Miegel. Werde Wohlstand bisher materiell orientiert – also am Besitz möglichst vieler und teurer Dinge gemessen – so müsse er künftig immateriell sein. Beispiel: „Zeit für sich und andere haben, Freude an Natur und Kultur genießen.“ Es gehe dabei um „die Revitalisierung des Spirituellen“, das durch den Wachstumswahn verkümmert sei. „Wir brauchen eine neue Balance zwischen materiellen und immateriellen Gütern“, forderte Miegel. Dies werde „der große Paradigmenwechsel dieses Jahrhunderts sein“ – zwangsweise.
Der Sozialwissenschaftler will sich allerdings nicht als Prophet des völligen Verzichts verstanden wissen. „Materielles wird wichtig bleiben, aber nicht das Einzige, auf das man fokussiert ist.“ Das neue Wohlstandskonzept heiße: „Möglichst wenig materielle Güter zu benötigen.“
Gibt es bereits einen Masterplan für den neuen von Miegel propagierten Wohlstand? Nein, sagt er, „eine Blaupause gibt es nicht. Die Menschen müssen sehen, was sich verändert und daraufhin ihre individuellen Bedürfnisse abstellen“. Die ersten zehn bis zwanzig Jahre dieses Umbruchs würden sehr chaotisch verlaufen. Und wie soll die Politik den Bürgerinnen und Bürgern erklären: schnallt den Gürtel enger? Überhaupt nicht, meinte Miegel. Denn: „Die Leute werden schon von selbst merken, dass ihnen die Hose rutscht.“ Ohnehin habe dieser Prozess längst begonnen: „Seit zehn Jahren sinkt der materielle Wohlstand.“
Bereits im Dezember vergangenen Jahres erklärte Miegel in Berlin bei einer Tagung des „Denkwerks Zukunft“, dem er als Vorstandsvorsitzender vorsteht: „Niemand weiß genau, wie man Volkswirtschaften, die von der Grundschule bis zur Universität, vom Arbeitsplatz bis zum Freizeitvergnügen auf Leistung, Effizienz und Wachstum getrimmt sind, auf eine Zeit danach einstimmt.“
Buchtitel: „Exit: Wohlstand ohne Wachstum“
Autor: Gerd Lache





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