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Der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, Roman Glaser (links), ist besorgt über die anhaltende Niedrigzinsphase. Darin ist er sich mit dem Chef des Sparkassenverbands, Peter Schneider (im Hintergrund) einig.   MIRGELER
Der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, Roman Glaser (links), ist besorgt über die anhaltende Niedrigzinsphase. Darin ist er sich mit dem Chef des Sparkassenverbands, Peter Schneider (im Hintergrund) einig. MIRGELER
02.12.2016

Roman Glaser: „Niedrigzinsen stressen regionale Banken“

Eigentlich leben Banken davon, dass sie das ihnen anvertraute Geld an andere Kunden als Darlehen gewinnbringend weitergeben. Doch die Zinsen sind seit Jahren im Keller, Kapitalanlagen bringen kaum noch Rendite, Negativzinsen werden erhoben, was das bewährte Geschäftsmodell massiv gefährdet. Roman Glaser, Chef des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, ist besorgt.

PZ: Herr Präsident Glaser, wie viele eigenständige Genossenschaftsbanken gibt es aktuell?

Roman Glaser: Zum Jahresende 2016 gibt es 193 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg. Im laufenden Jahr hatten wir elf Fusionen mit 25 beteiligten Banken zu verzeichnen. Für das kommende Jahr sind uns bisher acht Zusammenschlüsse mit 18 beteiligten Instituten bekannt. Darunter ist auch der geplante Zusammenschluss von vier Genossenschaftsbanken im Enzkreis. In Baden-Württemberg gibt es im Übrigen in rund 1100 Gemeinden knapp 3000 Geschäftsstellen genossenschaftlicher Banken – wir haben also immer noch ein extrem dichtes Filialnetz, das jedoch moderat angepasst werden muss. Ein-Mann-Filialen haben ausgedient. Es wird aber sicher keinen Kahlschlag in der Fläche geben.

PZ: Was sind die Gründe für die steigende Zahl von Banken-Zusammenschlüssen im Ländle?

Roman Glaser: Die Motivationen für Fusionen sind vielfältiger Natur: So verändert zum Beispiel die Digitalisierung maßgeblich die Geschäftsabläufe in einer Bank. Die Dynamik hält an. Daneben sind weitere strukturelle Herausforderungen zu bewältigen. Zunehmend werden Bankgeschäfte am Geldautomaten oder online erledigt. Online und offline wachsen zusammen. Zudem treffen die europäischen Vorschriften zur Bankenregulierung nicht nur Großbanken, sondern gerade regionale Institute überproportional. Das bindet Personal. Dabei ist das Geschäftsmodell einer Investmentbank ganz anders als das einer Genossenschaftsbank. Schließlich stresst die Niedrigzinsphase das bewährte Geschäftsmodell regionaler Banken ganz besonders. Sie sind maßgeblich auf die Einnahmen aus dem Zinsgeschäft angewiesen, weil sie wie alle Unternehmen eine auskömmliche Rendite erzielen müssen. Diese Zinserträge gehen durch die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) aber zurück. Auch wenn es Kreditnehmer erfreut, sind derart niedrige Zinsen ein süßes Gift, das erst in einigen Jahren wirkt. Bei einer langfristigen Finanzierung sollte man das berücksichtigen und einen anfangs höheren Tilgungsanteil wählen, der sich dann bei höheren Zinsen entsprechend reduziert.

PZ: Wie sehen sie eine mögliche Fusion der Volksbanken in Pforzheim und Karlsruhe?

Roman Glaser: Grundsätzlich unterstützen wir es, wenn sich Banken intensiv mit ihrer Zukunftsfähigkeit befassen. Die Vorstände und Aufsichtsräte beider Häuser befinden sich in ersten Strategie-Überlegungen. Die strategischen Möglichkeiten aller Banken reichen von der weiteren Eigenständigkeit über eine Kooperation bis hin zur Fusion. Es gibt bei Fusionen immer viele Dinge zu bedenken, dazu zählen rationale und emotionale Argumente. Man muss professionell damit umgehen. Die Wirtschaftsräume verändern sich. Entscheidend ist: Banken müssen heute wettbewerbsfähig, veränderungsfähig und gewinnfähig sein. Für genossenschaftliche Banken geht es darüber hinaus um einen nachhaltigen Mehrwert und die verlässliche Dienstleistung für Mitglieder und Kunden. Auch die Volksbanken in Pforzheim und Karlsruhe widmen sich ganz offensichtlich diesen Themen. Wichtig ist die regionale Nähe zum Kunden. Zentralfunktionen können bei Fusionen jedoch gebündelt werden, um Synergien zu heben. Es geht auch um intelligente Lösungen für die bestehenden Filialnetze und kundengerechte Öffnungszeiten.

PZ: Wenn Sie einen Weihnachtswunsch frei hätten, was würden sie sich von der EZB wünschen?

Roman Glaser: Ein baldiges Ende der verheerenden Niedrigzinspolitik. Ich sorge mich um die Sparkultur im Land und die Attraktivität der privaten Altersvorsorge für die Menschen. Dort wo sie wirken sollten, greifen die Negativzinsen nicht. In Italien etwa steigt die Staatsverschuldung weiter an. Das Schwert wird immer stumpfer, deshalb sollte die EZB die Märkte langsam wieder auf steigende Zinsen einstellen. Wenn Geld keinen Preis in Form von Zinsen mehr hat, ist das bedenklich. Der Mittelstand braucht starke Banken an seiner Seite, und gerade die leiden unter den anhaltenden Niedrigzinsen.