nach oben
Gute Erfahrungen hat die Firma Niersberger mit Umschülern und älteren Arbeitskräften gemacht.
Gute Erfahrungen hat die Firma Niersberger mit Umschülern und älteren Arbeitskräften gemacht.
13.04.2017

Zweite Chance genutzt - Agentur für Arbeit vermittelt Freigänger in Berufsausbildung

Wegebau heißt ein Programm der Arbeitsagentur, um gering qualifizierte Arbeitnehmer doch noch zu einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu führen. Denn Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, wie Martina Lehmann, Chefin der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim, bestätigt.

Manche Wege führen sogar direkt aus dem Knast in eine Ausbildung, wie gestern bei einem Besuch der Pforzheimer Firma Niersberger deutlich wurde. Das Unternehmen ist gleich in zweifacher Weise ein Vorzeigebetrieb – zum einen sind die Dienstleistungen des Gebäudetechnik-Spezialisten weltweit gefragt, zum anderen hat Niersberger ein Viertel seiner aktuell 107 Beschäftigten mit Unterstützung der Agentur für Arbeit rekrutiert. Dabei ist es längst nicht selbstverständlich, dass man auch Geringqualifizierten, sprachlich Benachteiligten oder Menschen mit einem Makel in der Berufslaufbahn als Umschülern eine zweite Chance gibt, wie die Agenturchefin anmerkt. So konnte beispielsweise im September 2016 ein in Kronau inhaftierter und im Freigang befindlicher Arbeitsloser eine Umschulung zum Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik beginnen. Der Betrieb ist mit seinem außergewöhnlichen Engagement sehr zufrieden und der 33-jährige dankbar, dass er trotz seiner Haftstrafe die Chance für eine Ausbildung erhalten hat. In 37 Tagen kommt er wieder auf freien Fuß. „Ich will nach der Ausbildung bei Niersberger bleiben und später auch den Meister machen“, sagt er im Gespräch mit der PZ. „Wir schauen auf den Menschen und seine Leistung im Betrieb“, sagt Vorstandsvorsitzender Hansjörg Weber. Die zahlreichen Vermittlungen durch Arbeitsagentur und Jobcenter hätten alle gepasst, freut sich Joachim Dangel, kaufmännischer Leiter und Personalchef der Niersberger AG. Auch viele ältere Arbeitnehmer sind darunter. „Das sind alles wertvolle Mitarbeiter, die sich mit dem Betrieb identifizieren.“ Einige sind inzwischen in leitende Tätigkeiten hineingewachsen. Dangel verweist auch auf den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Gerade habe man die Tätigkeit auf der höchsten Baustelle Europas abgeschlossen – ein Wasserkraftwerk in Linnthal in den Schweizer Bergen. Niersberger war aber auch bei den Eisenbahnprojekten am Gotthard und dem Brenner beteiligt, um die kilometerlangen Tunnelbauwerke zu belüften. Auslandseinsätze sind für die Mitarbeiter angesichts eines Exportanteils von 80 Prozent keine Seltenheit, ergänzt Weber.

Das Ziel von Agenturchefin Lehmann lautet, die Zahl der Teilnehmer an betrieblichen Qualifizierungsmaßnahmen in diesem Jahr um zehn Prozent auf 500 zu steigern. Dafür brauche man noch weitere Unternehmen wie die Niersberger AG. „Wir unterstützen Praktikum, Ausbildung und Umschulung finanziell.“ 58 Prozent der Arbeitslosen hätten keine abgeschlossene Berufsausbildung. Gesucht würden zu 85 Prozent Facharbeiter – ein Teufelskreis.