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stuttgart21 © dpa
04.08.2014

20 Jahre nach der Idee erfolgt Baustart für Tiefbahnhof Stuttgart 21

Stuttgart (dpa/lsw) - Einst hörte man die Gegner des umkämpften Bahnprojekts Stuttgart 21 sagen: Wenn die Baugrube im Schlossgarten ausgehoben wird, ist alles vorbei. Demnach müssten die Proteste gegen den milliardenschweren Tiefbahnhof im Stuttgarter Zentrum am nächsten Dienstag verstummen. Endgültig. Sage und schreibe 20 Jahre nach der Idee wird tatsächlich die ungeliebte Baugrube ausgehoben. Mitten im Schlossgarten, der grünen Lunge der Stadt. Dort, wo einmal Tausende um ihren alten Bahnhof kämpften und um uralte Bäume.

Die sind längst gerodet. Doch die Bilder bleiben: von Demonstranten, die mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray aus dem Schlossgarten getrieben wurden. Oder die vom besetzten Nordflügel des denkmalgeschützten Kopfbahnhofs, den die Polizei räumen musste, bevor die Bagger zubeißen konnten. Das war 2010. Und der Schock dieser für das gerne als bieder angesehene Stuttgart so untypischen Ereignisse sitzt noch immer tief. So tief, dass sie vom Landtag und auch vor Gericht aufgearbeitet werden.

1994, als Helmut Kohl noch Kanzler war, wurde bei der Bahn die Idee eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs in Stuttgart geboren. Auch München oder Frankfurt wurde sowas empfohlen, über die Jahrzehnte blieb aber nur Stuttgart 21 übrig. Freiwerdende Gleisflächen sind hier im Talkessel besonders viel wert. Für viele ist das Ganze ohnehin immer kein Bahnhofs-, sondern ein Immobilienprojekt.

Erste Kostenschätzungen kamen auf rund 2,5 Milliarden Euro inklusive Anbindung des Tiefbahnhofs an eine Neubaustrecke bis Ulm. Jetzt geht man von 6,5 Milliarden Euro aus. Kritiker unken: Unter zehn komme man nicht hin. Der Tiefbahnhof soll den Kopfbahnhof laut Bahn von Ende 2021 an ersetzen. Auch das glauben die Kritiker nicht.

«Das dümpelt doch alles vor sich hin», kritisiert Matthias von Herrmann, einer der bekanntesten Projektgegner. «Aktives Bauen sieht anders aus.» Bis zu 300 Gleichgesinnte will er wieder mobilisieren, um auch am Dienstag Flagge zu zeigen. Baugrube hin, Baugrube her - am Protest werde sich nichts ändern. So wie sie es beharrlich Woche für Woche tun mit Flaggen, Transparenten und Trillerpfeifen bei ihren Montagsdemos. Die 232. steht jetzt an. Mehrere Hundert Teilnehmer werden es wieder sein. 2010 gingen Zehntausende auf die Straße.

Ohne den Protest zu überhöhen, kann man sicher sagen, dass der Kampf um Stuttgart 21 seinen Teil dazu beigetragen hat, dass sich viel verändert hat im Ländle. Im Kern ging es nicht nur um einen Bahnhof, sondern ein Stück um den Stil der damals seit Jahrzehnten regierenden CDU. Gipfelnd im «Schwarzen Donnerstag» 2010 und der Räumung des Schlossgartens - verbunden mit dem Namen von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). Inzwischen müssen die Grünen, einst gewichtigster Projektgegner, das lange Bekämpfte geschehen lassen. Sie stellen mit Winfried Kretschmann nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern mit Fritz Kuhn auch den Oberbürgermeister.

Die Bahn hat Baurecht, daran änderte auch die wohl einzigartige Schlichtung unter Leitung des früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler nichts. Jedoch wurden der Bahn Nachbesserungen ins Stammbuch geschrieben. Im Kern gebrochen wurde der Widerstand dann aber am 27. November 2011 mit der Volksabstimmung in Baden-Württemberg: 58,8 Prozent stimmten damals gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Bahnprojekts - und damit für Stuttgart 21.

Die vorbereitenden Bauarbeiten waren da ohnehin schon längst im Gange: Symbolträchtig war am 2. Februar 2010 der Prellbock Nummer 049 versetzt worden, damals von Bahnchef Rüdiger Grube höchstpersönlich und entsprechend großem Bahnhof. Den gibt es am Dienstag nicht, dennoch ist es für Architekt Christoph Ingenhoven ein besonderer Tag: Es sei der eigentliche Beginn der Bauarbeiten an seinem «Baby».

Derweil ziehen sich längst kilometerlange Rohre kreuz und quer durch die Stadt, über die Grundwasser umgeleitet wird. Die Züge halten nicht mehr im Bahnhof, sondern davor. Die Glasdächer des Bahnhofs werden abgetragen. Bahnfahrer betreten Stuttgart auf einer Baustelle. Auch sind Baustraßen angelegt und Verladeflächen vorbereitet. Und die Tunnel, die zum Bahnhof führen sollen, werden gebohrt.

Unumkehrbar ist das Ganze also schon länger. Die meisten Stuttgarter haben sich damit abgefunden, dass sie noch Jahre mit der Bahnhofsbaustelle leben - und dann werden ja noch die alten Gleisflächen bebaut.