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Zum ersten Mal seit neun Jahren rechnet die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Arbeitsagentur mit mehr Arbeitslosen im Südwesten für das kommende Jahr.
Zum ersten Mal seit neun Jahren rechnet die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Arbeitsagentur mit mehr Arbeitslosen im Südwesten für das kommende Jahr. © Symbolbild: dpa
18.12.2012

2013: Mehr Arbeitslose im Südwesten

Stuttgart. Licht und Schatten auf dem Arbeitsmarkt 2013. Die Zahl der Arbeitslosen wird leicht steigen, aber auch die der regulären Beschäftigungsverhältnisse. Wie passt das zusammen?

Zum ersten Mal seit neun Jahren rechnet die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mit mehr Arbeitslosen im Südwesten für das kommende Jahr. «Es wird für Arbeitslose schwerer, wieder einen Arbeitsplatz zu finden», sagt Behördenchefin Eva Strobel. Grund für die nachlassende Einstellungsbereitschaft der Firmen seien die Unsicherheiten durch die Finanzkrise in der EU. Allerdings liege der Bedarf an Personal noch über dem Niveau der Boomjahre 2007/08. «Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor robust, verliert aber an Schwung», resümiert die Juristin.

Die Bilanz 2012 fällt mit einer voraussichtlichen Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent, dem besten Wert eines Jahres seit 2000, glänzend aus. Mit der schlechtesten Zahl der vergangenen Jahre warteten nicht die Krisenjahre 2009 oder 2010 auf, sondern 2005 mit einer 7 vor dem Komma. Im Durchschnitt des Jahres 2012 waren 222 600 Frauen und Männer ohne Job, das sind 3,7 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Für das neue Jahr erwartet Strobel auf Basis eines Wirtschaftswachstums im Südwesten von 0,8 Prozent rund 1700 Arbeitslose oder 0,8 Prozent mehr als im ablaufenden Jahr. Damit steht der Südwesten aber weit besser da als Dauerkonkurrent Bayern mit einem prognostizierten Plus an Arbeitslosen von 10 500 oder 4,3 Prozent. Auch im Vergleich zum erwarteten westdeutschen Durchschnitt von 1,5 Prozent mehr Arbeitslosen schneidet Baden-Württemberg am besten ab.

Die Menschen in regulären Arbeitsverhältnissen müssen sich nicht ängstigen. Die Firmen halten ihr Stammpersonal, weiß Strobel. Zu den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt werden vor allem befristet Eingestellte oder Zeitarbeiter gehören. Die Diakonie Württemberg sieht die Lage dagegen düsterer als die Behördenchefin. Das immer knappere Angebot freier Stellen könne drastische Folgen für Langzeitarbeitslose haben, die noch immer fast ein Drittel aller Menschen ohne Arbeit stellten. Der Bund müsse Instrumente öffentlich geförderter Beschäftigung wieder verstärken, damit Langzeitarbeitslose wieder eine Chance auf Teilhabe bekämen.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Südwesten wird nach Angaben Strobels in den nächsten zwölf Monaten auf einen historischen Höchststand von 4,13 Millionen steigen. Doch wie passen diese beiden scheinbar gegenläufigen Entwicklungen - mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und mehr Arbeitslose im Südwesten - zusammen? «Derzeit werden stille Reserven aktiviert, also Menschen, die bisher gar nicht als arbeitslos gemeldet waren», erklärt Strobel. Darunter fallen Frauen, die nach der Kindererziehungszeit wieder in die Erwerbstätigkeit drängen. Die Statistik zeigt einen Anstieg von weiblichen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 2007 noch 1,66 Millionen auf 1,82 Millionen 2012.

Auch Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa finden Stellen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen und im Gesundheitswesen. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes nahm die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten aus EU-Staaten im Südwesten bereits im ablaufenden Jahr um 12,2 Prozent zu. Für diese Zuwanderer sei nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache wichtig, sondern auch eine Willkommenskultur im Unternehmen und der Gesellschaft, betont Strobel. So habe sich im Schwarzwald-Baar-Kreis ein vorbildliches Netzwerk mit Wirtschaftsförderern, Firmen, Arbeitsagenturen, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften gebildet, das auch Hilfe beim Start im persönlichen Umfeld leistet, etwa bei Wohnungssuche und Kinderbetreuung.

 

Neben Migranten unterstützen die Arbeitsagenturen aber auch schwächere junge Menschen sowie un- und angelernte Erwachsene. So nahmen im ablaufenden Jahr 6900 Auszubildende Nachhilfe in Anspruch, um die Berufsschule besser zu bewältigen. Sorgen machen Strobel die 60 000 unter 25-Jährigen, die zwar einen Arbeitsplatz, aber keinen Abschluss haben. «Das könnte die Arbeitslosenreserve von Morgen sein.» Strobel verwies auf das Programm «Wegebau» der Arbeitsagenturen, die die Kosten der Qualifizierung und bei 45-Jährigen und Älteren sogar Teile des Entgeltes übernehmen. «Insbesondere für kleine und Mittlere Unternehmen können qualifizierte Mitarbeiter ein Wettbewerbsvorteil sein.»

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