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In diesem Haus in Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis wurde eine 20-Jährige ein Jahr lang gefangen gehalten. Foto: dpa
In diesem Haus in Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis wurde eine 20-Jährige ein Jahr lang gefangen gehalten. Foto: dpa © dpa
Ein Jahr lang wurde eine 20-Jährige in Haßmersheim gefangen gehalten und misshandelt worden. Foto: dpa
Ein Jahr lang wurde eine 20-Jährige in Haßmersheim gefangen gehalten und misshandelt worden. Foto: dpa © dpa
09.06.2011

20-Jährige als Geisel - Polizei ermittelt

HASSMERSHEIM. Eingesperrt, misshandelt, gedemütigt: Eine 20-Jährige soll in dem nordbadischen 4800-Einwohner-Dorf Haßmersheim (Neckar-Odenwald-Kreis) ein Jahr lang unter menschenunwürdigen Bedingungen gehalten worden sein.

In einem Mehrfamilienhaus. Am Wochenende gelang der Frau die Flucht durch ein geöffnetes Fenster. Ein Sondereinsatzkommando überwältigte am Mittwochmorgen um fünf Uhr früh schließlich die mutmaßlichen Täter: ein Paar mit einem Sohn. Doch erst am Donnerstag gab die Staatsanwaltschaft Mosbach den Fall an die Öffentlichkeit. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, soll die Familie, die inzwischen in U-Haft sitzt - die Frau aus Würzburg monatelang in ihr Haus eingeschlossen und mit Gewalt und Drohungen zur Hausarbeit gezwungen haben. Rund um die Uhr soll mindestens ein Familienmitglied die 20-Jährige bewacht haben, um ihre Flucht zu verhindern. Laut Staatsanwaltschaft soll der Familienvater versucht haben, die 20-Jährige sexuell zu nötigen. Das Sondereinsatzkommando sei aus Sicherheitsgründen hinzugezogen worden. Man habe den Familienvater gewalttätig eingeschätzt, zudem lagen Hinweise vor, dass er im Besitz einer Waffe ist, hieß es. Nach Angaben der Polizei Mosbach ist die Spurensicherung im Haus der Familie in Haßmersheim im Neckartal abgeschlossen. Eine Sonderermittlungsgruppe für den Fall werde nicht gebildet, sagte Polizeisprecherin Petra Kessler am Freitag der Nachrichtenagentur dpa.

«Ich bin bestürzt, dass sowas in unserer Gemeinde möglich ist», sagte Bürgermeister Marcus Dietrich (parteilos) am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. «Man denkt nicht, dass das im Dorf passiert, dass jemand über Monate gefangen gehalten wird und fliehen muss. Unvorstellbar, dass das bei uns passiert - aber offenbar war es so.» Die soziale Kontrolle «in einem positiven Sinne» funktioniere in Haßmersheim. Die Dorfbewohner würden aufeinander acht geben und schauten mit offenen Augen, was in der Nachbarschaft vor sich gehe. Offenbar habe man bei einer neu zugezogenen Familie diese soziale Kontrolle noch nicht, sagte Dietrich.

Im Dorf kannte offenbar keiner die Familie näher. Die Familie sei erst vor rund drei Monaten aus dem Rhein-Neckar-Kreis in die Gemeinde gezogen und habe noch keine sozialen Kontakte mit den Nachbarn gepflegt. «Die junge Frau war nicht bei uns gemeldet», so Dietrich.

Warum die 20-Jährige bei der Familie war, ist noch unklar. Sie sei nicht entführt worden, sondern war freiwillig in den Haushalt gekommen, hieß es seitens der Polizei. Ob die Familie mit der Frau den Wohnort gewechselt hat, blieb zunächst offen. Nähere Angaben wollten Polizei und Staatsanwaltschaft zum Schutz der Frau und der mutmaßlichen Täter nicht machen. «Die Ermittlungen laufen auf jeden Fall weiter», sagte ein Beamter.

Doch mit der Bilderbuch-Idylle im Neckartal scheint es nun erst einmal vorbei. Noch sei es ruhig im Dorf, berichtet Dietrich, aber dass seine Gemeinde bald im Mittelpunkt des Medieninteresse steht, ist dem 50-Jährigen klar. «Das geht hoch.» «Ich wollte das zunächst gar nicht glauben. Wir leben hier friedlich auf dem Land und so was - denkt man - passiert nur in der Stadt.»