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Spionageprozess in Stuttgart. Foto: dpa
Spionageprozess in Stuttgart © dpa
01.07.2013

Alpenkuh und Erdloch - Urteil im Stuttgarter Agentenprozess erwartet

Stuttgart (dpa/lsw) - Gefährliche Geheimnisverräter oder heimattreue Schelme mit Steinzeit-Methoden? Die Einschätzungen über ein russisches Agentenpaar gehen auseinander. Diesen Mittwoch soll das Urteil vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht gesprochen werden.

Vor den aktuell diskutierten weltweiten Fällen von Cyberspionage wirkt der Stuttgarter Agentenfall wie ein Relikt längst vergangener Tage. Über Erdlöcher und mit versteckten Botschaften soll das Ehepaar Anschlag mehrere 100 geheime Dokumente von Nato und EU an den russischen Geheimdienst SWR weitergereicht haben. «Mir kommt es vor wie zwei Steinzeitmenschen, die Steintafeln übergeben», sagt ein Verteidiger in seinem Plädoyer. Und doch gilt das Verfahren am Oberlandesgericht als einer der größten Spionageprozesse seit Ende des Kalten Krieges. Das Urteil wird an diesem Dienstag (2.7.) erwartet.

Dramatischer Geheimnisverrat geht anders, behauptet Anwalt Horst-Dieter Pötschke, der schon Kanzleramtsspion Günter Guillaume vertrat. Man denke nur an die Datensammlung der Amerikaner und Briten. Dagegen sei sein Mandant Andreas Anschlag ein kleines Licht. Vor allem aus Loyalität zu seinem russischen Vaterland habe er die Dokumente an den KGB-Nachfolger SWR geschickt.

Die echten Namen von Andreas und Heidrun Anschlag kennt nicht einmal das Gericht. Österreicher, wie es in ihren Pässen steht, sind sie nicht - vielmehr Russen. Alexander und Olga sollen sie heißen, 55 und 52 Jahre alt sein. Das war es dann aber auch schon.

Unbestritten ist ihr Doppelleben. So unauffällig sie vor Gericht erscheinen, so bieder lebten sie als Familie. Mutter Anschlag zog die Tochter groß. Sie backt gern, heißt es. Ihr Mann war als Ingenieur bei Kollegen und Chefs beliebt. Zuletzt wohnten sie in zwei Wohnungen im hessischen Marburg und im baden-württembergischen Balingen.

Alles andere als 08/15 war allerdings ihre Freizeitgestaltung. Statt Gartenbauverein oder Kegelclub zu besuchen, unterwiesen sie nach Überzeugung der Anklage einen Maulwurf im niederländischen Außenministerium. Von 2008 bis 2011 sollen sie munter Dokumente von ihm an ihre Auftraggeber beim KGB-Nachfolger SWR weitergereicht haben. Wichtige Unterlagen, die Deutschland und seine Bündnispartner in Verhandlungen hätten schwächen können, sagt der Bundesanwalt. Kaum gesicherte und damit wahrscheinlich wertlose Dokumente, antworten die Verteidiger. «Man kann überspitzt von einer Einladung zur Selbstbedienung sprechen», sagt einer. 100 000 Euro im Jahr sollen die Anschlags für ihre Dienste kassiert haben.

Filmstoff böten mit Sicherheit die Übermittlungsmethoden des Paares mit den Decknamen «Pit» und «Tina». Die ergaunerten Dokumente wurden laut Bundesanwalt auf USB-Sticks gezogen und in Erdlöchern versteckt, wo die Empfänger sie abholten. Verschlüsselte Informationen gingen laut Anklage über Satellit und Kurzwelle hin und her. Zum Teil wurden sie auch in Kommentaren auf der Internetplattform Youtube versteckt. So soll Heidrun Anschlag als «Alpenkuh» ein «Alles o.k.» an ihre Auftraggeber gesendet haben.

Vor Gericht äußern sich die Angeklagten nicht. Die Agentenehre gebiete es, zu schweigen, erklären ihre Anwälte. «Eiskalt» seien ihre Mandanten trotzdem nicht. Als die GSG 9 das Haus von Heidrun Anschlag bei Marburg gestürmt habe, sei diese vor Schreck vom Stuhl gefallen und habe erst mal nur noch stammeln können.

Durch Tipps, etwa aus den USA, waren die Ermittler dem Paar auf die Spur gekommen. Seit Oktober 2011 sitzen die Eheleute in Untersuchungshaft. Der Bundesanwalt spricht von einem «schweren Geheimnisverrat». Wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit fordert er siebeneinhalb Jahre Haft für den Hauptangeklagten und viereinhalb Jahre Haft für seine Frau. Die Verteidiger wollen niedrigere Strafen, keinesfalls über fünf Jahre. Ginge es nach ihnen, würden ihre Mandanten auch wegen der langen Untersuchungshaft nach dem Urteil freikommen. Das vorerst letzte Wort hat der Senat am Dienstag.