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Die Förderung von Alphabetisierungskursen für Erwachsene ist im Südwesten aus Expertensicht mangelhaft. Dabei hat gut jeder Zehnte über 18 gravierende Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Foto: dpa © dpa
06.09.2012

Alphabetisierungsexperte: «Baden-Württemberg ist Schlusslicht»

Mannheim. Die Förderung erwachsener Analphabeten im Südwesten ist aus Sicht eines Experten mangelhaft. «Baden-Württemberg ist ein Schlusslicht», sagte Stephan Gilles von der Mannheimer Abendakademie der Nachrichtenagentur dpa.

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Anders als im Ländle seien die Alphabetisierungskurse in Norddeutschland zum Beispiel kostenlos. Das sei wichtig, da viele der Betroffenen arbeitslos seien. «Mehr als jeder Zehnte der erwachsenen Deutschen ist Analphabet», betonte Gilles. Auch im Südwesten gebe es nicht weniger Analphabeten.

Das Nord-Süd-Gefälle ist deutlich: 2010 kamen nach Angaben des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung in Berlin 98 Alphabetisierungskurse an den Volkshochschulen auf eine Million Einwohner. In Baden-Württemberg waren es gerade einmal 15,6 und im Bundesschnitt 36,9. Am Ende dieser Statistik steht Bayern mit 8,9 Kursen pro eine Million Menschen.

«Es kann doch nicht eine Frage des Geldbeutels sein, ob die Leute am Kurs teilnehmen können», kritisierte Gilles. 150 Euro kosten zwei Monate Alphabetisierungskurs an der Mannheimer Abendakademie, der städtischen Volkshochschule. Für viele Betroffene sei das unbezahlbar. Nur in einigen Fällen übernehme das Arbeitsamt die Kosten. «Jeder zahlt irgendetwas nach seinen Möglichkeiten», sagte Gilles. Er schicke niemanden weg und sei permanent auf der Suche nach Geldgebern. Die Akquise von Spenden sei kein Selbstläufer und nicht einfach. Von einer staatlichen Förderung mit kostenlosen Kursen wie in Norddeutschland kann er derzeit nur träumen.

Für die Betroffenen wäre diese Möglichkeit jedoch essenziell. «Viele haben keine Arbeit», so Gilles. «Seit die Arbeitswelt immer komplexer geworden ist, wird das immer schlimmer», betonte der Diplom-Pädagoge. Mit dem verbreiteten Einsatz von Computern, sei es in immer mehr Jobs wichtig, lesen und schreiben zu können.

Von Anfang 20 bis Ende 50 - die Bandbreite der Kursteilnehmer ist groß. «Ganz viele haben gute Gründe, die Schwäche zu verheimlichen», sagte Gilles. So sei einem Kursteilnehmer gekündigt worden, als der Chef von dessen Lese- und Schreibschwäche erfuhr. Viele befänden sich in einer sehr prekären Lebenssituation. Da gebe es große Probleme - sei es mit der Gesundheit, mit der Wohnung oder in der Beziehung. Oft sei die Lese- und Schreibschwäche nur ein Symptom von Armut.

Umso bedeutsamer ist die Rolle der Alphabetisierungskurse. Dort lernen die Teilnehmer nicht nur lesen und schreiben, sondern auch wieder Vertrauen in die eigene Kraft. «Niemand muss kommen, aber sie kommen alle», sagt Gilles. Und das, obwohl es im Erwachsenenalter viel schwerer ist, Lesen und Schreiben zu lernen als als Kind. «Die Schule kann das eigentlich besser als wir», sagte Gilles und bemüht ein Sprichwort: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans umso schwerer.»